Donnerstag , 20. September 2018
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Kantorin Frauke Heinze steht vor den Turmräumen, die für die Singschule hergerichtet werden. (Foto: t&w)
Kantorin Frauke Heinze steht vor den Turmräumen, die für die Singschule hergerichtet werden. (Foto: t&w)

Die Singschule wächst

Lüneburg. Die Kirche liegt ja nicht gerade im Plus, wenn es um die Zahl der Getreuen geht. Der Schwund mag gebremst sein, gestoppt ist er nicht. Aber es gibt da noch einen ganz anderen Trend. Die Zahl der Kinder, die sich in Chören der Kirche treffen, steigt stark. Die noch junge Singschule in St. Johannis Lüneburg ist von rund 40 auf nun rund 110 Kinder und Jugendliche gewachsen – und die Kurve zeigt weiter nach oben. Das freut die Gemeinde und Frauke Heinze ganz besonders. Sie ist seit knapp einem Jahr als Kantorin an der Kirche tätig – mit dem Schwerpunkt auf Nachwuchsarbeit.

Der Erfolg hat Folgen: Für die in bis zu sieben Chöre aufgeteilten Kinder muss Platz her. Bisher proben sie in der Elisabethkapelle. Das Problem: Der Raum darf aus kuratorischen Gründen nur auf maximal 18,5 Grad geheizt werden, was im Winter zu wenig ist. Er ist auch akustisch nicht geeignet. Das Ausweichen ins Gemeindehaus kollidiert mit anderen dort stattfindenden Aktivitäten. Die Lösung findet sich in weitgehend ungenutzten Turmräumen. Sie werden nun entsprechend umgebaut – eine Maßnahme, die um die 150 000 Euro kostet.

„Das Geld ist bewilligt, wir haben viele Förderer und sind stolz, dass alle mitmachen“, sagt Dr. Andreas Heinen vom Kirchenvorstand. Dr. Heinen ist St. Johannis seit langem verbunden, auch als Sänger der Kantorei. Er wechselt nun aber beruflich nach Leipzig. Die Singschul-Räume vorangebracht zu haben, ist sozusagen der Schlussstein seiner Lüneburg-Zeit.

Prügeleien beim Kurrende-Singen

Der Projektantrag aus dem Oktober 2017 erinnert in einem Vorspann an die lange Tradition junger Sänger an Lüneburgs Kirchen. Der Blick geht zurück bis ins Jahr 1406, als Patrizier mit dem Johanneum eine Schule für Sängerknaben gründeten. Bis zu 250 Schüler wurden dort in der Blütezeit ausgebildet. Das ist Geschichte, aber mit verschiedenen Konzepten blieb die musikalische Ausbildung von Knaben immer Thema. Bis Mädchen hinzukamen, dauerte es, heute sind sie deutlich in der Mehrheit. Jungs zu gewinnen, ist deutlich schwerer.

Nebenan in St. Michaelis sah und sieht es bei aller Verschiedenheit nicht anders aus. Dort probt Dörte Lorkowski in drei Chören mit rund 120 Kindern und Jugendlichen. Die beiden Kirchen können also auf eine lange und aus heutiger Sicht durchaus kuriose Tradition zurückblicken. Denn beim Kurrende-Singen, zu dem die jungen Chöre rund ums Jahr 1700 durch die Stadt zogen, kam es zwischen den jungen Johannis- und Michaelis-Sängern zu deftigen Schlägereien. Bekanntester Kurrendesänger, das nebenbei, war von etwa 1700 bis 1702 Michaelisschüler Johann Sebastian Bach. Die Kloppereien wurden Thema im Rat, und wie heute bei konkurrierenden Demos wurde den Guppen ein getrennter Weg vorgeschrieben.

Die Zeit der harten Konkurrenz ist vorbei, an beiden Kirchen blüht der Gesang. Frauke Heinze hat an St. Johannis ein System eingeführt, das mit einem Kinderchor der Vier- bis Fünfjährigen beginnt. Im Vorschulalter und als Erstklässler wechseln sie in die Kinderkantorei. Ab der zweiten Schulstufe proben Mädchen und Jungen dann getrennt. Es bewähre sich, sagt die Kantorin, die Kinder in dem Alter etwas geschlechtsspezifischer anzusprechen, sie seien untereinander lockerer. In der Jugendkantorei (ab siebter Klasse) singen sie wieder zusammen.

In Gottesdiensten, ab und an bei Oratorienkonzerten wirken die Nachwuchs-Chöre mit. Für die Kirche geht mit dem Wachsen der jungen Chöre ein angenehmer Effekt einher. Denn es sind ja nicht die Kinder, die sich anmelden. Es sind die Eltern, die ihre Kinder in den Chören gut aufgehoben sehen, und die zählen zu einer Generation, die für die Kirche oft schwer zu erreichen ist. Die Kinder und die Eltern beleben das Gemeindeleben gleichermaßen. Aber auch in den großen Kirchenkonzerten sind zunehmend Besucher zu finden, die nicht rund um die Zeit der Rente leben.

Frühlingskonzert am 26. Mai

Am Sonnabend, 26. Mai, werden Eltern und Geschwister die Kirche füllen. Um 17 Uhr erklingt in St. Johannis ein – weltlich geprägtes – Frühlingskonzert der Singschule. Alle aktiven Chöre sind beteiligt, außer der Jugendkantorei, die an einem eigenen Programm arbeitet. Joachim Vogelsänger wird das gut einstündige Konzert an Orgel und Klavier begleiten, die Leitung hat Frauke Heinze.

Von Hans-Martin Koch