Dienstag , 18. September 2018
Aktuell
Home | Kultur Lokal | Signale aus aller Welt
Marius D. Kettler präsentiert seine Klanginstallation „Actus Mundus“. Foto: ff

Signale aus aller Welt

Scharnebeck. Wenn die Erde sich verzieht, wenn es knirscht und rumpelt in den tiefen Schichten, wenn ein Erdbeben droht, dann beginnen überall auf der Welt ultraempfindliche Mechaniken zu zittern: Seismographen zeichnen die haarfeinen Erschütterungen auf. Einzelne Signale sind wertlos, aber im Verbund von Messungen in alle Himmelsrichtungen sowie nach oben und nach unten wird ein Bild daraus, wann und wo Gefahr droht. Marius D. Kettler hat den Seismographen zum Kunstobjekt gemacht. „Hören was bewegt“ ist der Titel seiner Ausstellung, die Sonnabend, 26. Mai, in der Galerie Kulturboden eröffnet wird.

Bei Kettlers Installationen geht es – im Kern – um die Umwandlung von Schwingungen in Klänge. Magneten werden durch Anstoß von außen bewegt, erzeugen in einer Spule einen Induktionsstrom, der aufgezeichnet und verwendet wird, für das Abspielen von Musik beispielsweise. Das funktioniert aber auch in der Gegenrichtung: Geräusche werden in mechanische Bewegung umgewandelt. „Das Gewitter“ nennt Kettler eine kleine Klanginstallation. Er hat das Grollen und Donnern eines Unwetters aufgenommen, es lässt nun nach jedem Blitz eine dünne Metallplatte vibrieren.

Rettungsdecken für die Erdbeben-Opfer

Im Mittelpunkt steht die begehbare, kreisrunde Installation „Actus Mundus“. Ihre bemalten (Lein)Wände sind straff gespannt, und werden – wie bei einem normalen Musikverstärker – über Spule und Magnet zum Schwingen, also zum Tönen gebracht. Drei Seismographen reagieren auf Signale aus aller Welt. Die Wände des Kulturbodens sind mit metallischen Rettungsdecken ausgekleidet. Das sieht cool aus, hat aber natürlich eine inhaltliche Komponente.

Die dünnen, silber und golden beschichteten Folien werden benutzt, um Verletzte vor Hitze oder Unterkühlung zu schützen – je nachdem, wie herum das Opfer eingewickelt wird. Das stellt den Bezug zum Thema Erdbeben her. Weil „Actus Mundus“ in verschiedene Farben von Weiß über Gelb bis Glutrot gestrichen ist (und zwar in Leuchtfarben, die der Künstler selbst entwickelte), kann der Betrachter immer schon den Farbton hinter der Biegung sehen, was sich als Erdbeben-Prognose interpretieren lässt, als Voraussage der weiteren Entwicklung.

Mechanik und Elektronik liegen bei „Hören was bewegt!“ offen zutage, werden nicht inszeniert, der künstlerische Aspekt ergibt sich im Zusammenklang mit den akustischen und optischen Raum-Effekten. Marius D. Kettler, Jahrgang 1961, ist eigentlich Gemälde-Restaurator und Vergolder. „Aber Elektronik, Mathematik und Physik, das waren schon immer meine Hobbies“ sagt der Künstler, der auch komponiert, zahlreiche Musikprojekte realisierte – zum Beispiel mit der Berlinerin Dolores Flores, die gerade in der Scharnebecker Galerie ausstellte.

Suche nach dem Grundton der Erde

Kettler, der ebenfalls schon einmal auf dem Kulturboden seine Kabel verlegte, hält zu Schwingungs-Wissenschaftlern in aller Welt Kontakt, sein wohl ambitioniertestes Vorhaben ist der ernstzunehmende Versuch, der Grundschwingung, dem – extrem langwelligen – Grundton unserer Erde auf die Spur zu kommen.

Näheres wird am Sonnabend erläutert. Die Vernissage beginnt um 16 Uhr, Bürgermeister Hans-Georg Führinger begrüßt die Gäste, Kurator Anton Bröring spricht zur Einführung. Die Ausstellung läuft bis 16. Juni, freitags (16-18 Uhr), sonnabends (15-17 Uhr) und sonntags (11-13 Uhr) und nach Vereinbarung.

Von Frank Füllgrabe