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Günther Kieser bedankt sich bei Almuth Pfützenreuter für die inhaltliche Zusammenstellung der Ausstellung. (Foto: Zimmernann)
Günther Kieser bedankt sich bei Almuth Pfützenreuter für die inhaltliche Zusammenstellung der Ausstellung. (Foto: Zimmernann)

Das Bild macht die Musik

Lüneburg. Das steht er nun, ein Mann von 88 Jahren, und strahlt Glück aus, von innen wie von außen. Günther Kieser hat so viel erlebt. Seit 1951 ist er freischa ffender Designer und Grafiker, er war auch mal Professor, vor allem aber ist er der Mann, der wie kein anderer der Musik ein Bild gegeben hat. Dem Jazz, den er so liebt, dem Blues, der Rockmusik. Mit seinen Plakaten hat der heute in Offenbach lebende Günther Kieser Kunst geschaffen und Kulturgeschichte geschrieben. Eigentlich lebt der Gestalter im Rückzugmodus, mit 88 wird die Welt stiller, doch jetzt ist er zur größten Ausstellung gekommen, die sein Werk je erfahren hat. „Kieser Plakate“ sind in der Kunsthalle der Sparkassenstiftung Lüneburg zu sehen, in der KulturBäckerei.

Man muss weit zurückblicken. Kurz nach dem Krieg meldete sich eine Generation, die dem Land einen neuen Klang geben wollte. Nichts faszinierte so wie der Jazz der schwarzen Amerikaner: Oscar Peterson, John Coltrane, Duke Ellington, Ray Charles, Miles Davis, Ella Fitzgerald und viele mehr. Musik, die mit dem Muff aufräumte, die von Freiheit handelte, sich nicht zähmen ließ. In Frankfurt waren es Horst Lippmann und Fritz Rau, die als Veranstalter großen Jazz auf die Bühne brachten. Konzerte aber fingen auf der Straße an: Das Plakat war das Medium, das Säle füllte. Günther Kieser, ein enger Freund von Fritz Rau, fand dafür die treffenden Motive – als „prelude to a kiss“, wie Rau später sagte.

Auftragsarbeiten werden zu Kunstwerken

Was mit bescheidenen Möglichkeiten begann, wurde zu einer eigenen Sprache. Dank unbändiger Kreativität und formaler Sicherheit gelang es Kieser, aus Plakat-Auftragsarbeiten unverwechselbare, individuelle Popkunst-Werke zu machen. Große Museen bis China und bis in die USA wurden auf Kieser aufmerksam, seine Kataloge lassen sich in der Bibliothek des Museums of Modern Art nachlesen.

Kiesers Plakate verdichteten sich mit der Zeit, zentrales Motiv wurde der Kopf. Die Nähe der Objekte zum Thema und zum Betrachter, die Materialität, die Vergegenwärtigung menschlicher Intensität, sie machten Kiesers Entwürfe zu „einer Mem­bran der Gesellschaft am Beispiel der Musik“, sagte bei der Einführung Dr. Stefan Soltek, Direktor des Klingspor Museums in Offenbach und einer der besten Kenner des Graphikers.

Viele der nun ausgestellten Plakate sind zu Ikonen ihrer Zeit geworden: Jimi Hendrix, Grateful Dead und auch die Arbeiten, für die Kieser seit 1966 Bildobjekte, Skulpturen schuf; etwa aus Blechinstrumenten, die er auf dem Plakat in verschlungene Musikalität übertrug. Nie wiederholte sich der Grafiker in seinem Werk, das oft unter Zeitdruck entstand, und doch ist er in seiner Kunst immer – fast immer – eindeutig zu erkennen. Plattenlabel, Hörfunk, Theater und andere Aufftraggeber gab es, auch von denen erzählt die Ausstellung.

„Er wollte auch keine Sponsorenlogos“

Zu ihrer Eröffnung reiste aus Berlin Ihno von Hasselt an, von 1981 bis 2014 Produktionsleiter der Berliner Jazztage. Er erinnert sich daran, wie Kieser die langen Namenslisten, die auf Festivalplakaten standen, missfielen. „Er wollte auch keine Sponsorenlogos.“ Auf einem der erfolgreichsten Berlin-Jazz-Plakate sind es 1973 nur Hände, die ineinandergreifen, eigentlich nur Finger, schwarze, weiße, braune – ein großes Miteinander. „Wir mussten das Plakat mehrmals nachdrucken.“ Nun gut, es gibt das Plakat auch mit den kleingedruckten Künstlernamen drauf.

Die Sparkassenstiftung Lüneburg hat sich neben der regionalen Kunst die Popkultur als Sammlungsschwerpunkt gesetzt. Die Ausstellung der Bravo-Starschnitte löste ein bundesweites Echo aus. Diese Ausstellung nun ist in jeder Hinsicht reicher, über die gestalterische Kunst hinaus erzählt sie Kulturgeschichte, mit der Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg zurück in die Welt kehrte und die Welt zurück in ein Land langer Schatten.

Musikzeugnisse als Zeitgeschichte

Da steht er also, an diesem Tag ein glücklicher Mann von 88 Jahren, der schon lange nicht mehr ausstellen wollte, vor allem nicht nach dem Tod seiner Frau Helly, ohne deren Rückhalt, Hilfe und Konstanz sein Werk nicht denkbar ist. Aber dann besuchte Enno Wallis, der in der KulturBäckerei häufig als Kurator aktiv ist, Günter Kieser spontan in Offenbach. Und noch einmal und noch einmal. Nun hat die Sparkassenstiftung 100 Arbeiten des „Plakartisten“ übernommen, 80 weitere auf dem freien Markt gekauft und zeigt sie in einer wirklich opulenten Ausstellung. Der Künstler rühmte bei der Eröffnung, wie sensibel die sich übers ganze Haus ziehende Retrospektive eingerichtet sei. Das ist vor allem Almuth Pfützenreuter zu verdanken. Sie hat sich in das Werk Kiesers regelrecht hineingekniet und die Ausstellung in weiten Teilen gestaltet. Oft sind Texte aus Fritz Raus Erinnerungen den Bildern beigefügt – und eine Musikbox lässt sich auch in Gang setzen. Bis zum 1. Juli kann Popkulturgeschichte hautnah erlebt werden.

Von Hans-Martin Koch