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Tini Thomsen. Foto: ff

Immer ordentlich Druck machen

Lüneburg. Es ist heiß und trocken – gar nicht gut für den Gemüsegarten. Tini Thomsen sorgt sich um die Stangenbohnen, blickt auf die Erdbeeren und die Kräutersc hnecke, dann geht es zurück in den Bauwagen. Dort wartet Arbeit, dort stehen die großen Bariton-Saxophone, ein paar kleine Keyboards und vor allem Stapel mit Notenblättern, eine Reihe von Arrangements sind zu schreiben. Saxophonisten sollten, so will es das Klischee, in einer aufgegebenen New Yorker Fabrik-Etage leben. Tini Thomsen, aktuell eine der angesagtesten Jazzmusikerinnen des Landes, hat sich für eine grüne Dorf-Idylle im Raum Lüneburg entschieden.

Eigentlich heißt sie ja Katharina Hitchcock

Streng genommen heißt die Musikerin Katharina Hitchcock, seit sie den britischen Saxophon-Kollegen (und Mark-Knopfler-Sideman) Nigel Hitchcock geheiratet hat. Aber ihr Mädchenname ist längst zur Qualitätsmarke geworden in der Branche. Die Musik wurde ihr zwar in die Wiege gelegt, die Thomsens sind seit fünf Generationen eine Familie von Opernsängern, Pianisten und anderen Instrumentalisten. Aber Tini, 1981 in Hamburg geboren, unternahm durchaus Versuche, etwas anderes zu lernen: „Ich wollte einmal Gärtnerin werden, doch als mich meine Mutter bei einer Gärtnerei anmelden wollte, hatte sie ausgerechnet an diesem Tag geschlossen.“ Ein Studium der Ägyptologie hielt nur ein Semester, immer wieder führte sie der Weg zum Jazz.

Sie spielt gern auch mal Querflöte

Der Wunsch, Sax zu lernen, war einer Schwärmerei für den Film „Manche mögen`s heiß“ geschuldet. Das mächtige Bariton (rund sechs Kilo, 214 Zentimeter Rohrlänge) hängte sich das zierliche Mädchen um, weil in der Schulband nur noch dieser Platz frei war. Ihr ungewöhnliches Talent war nicht zu überhören, mit 18 Jahren wurde Tini Thomsen in das Landes- und kurz darauf in das Bundesjazzorchester aufgenommen. Studium in Hamburg, dann Wechsel zum Conservatorium van Amsterdam, hier begann sie auch mit der Bassklarinette, „das wird von Bariton-Saxophonisten in Bands als Zweitinstrument einfach vorausgesetzt“.

Die Klarinette lernte sie mit der klassischen Intonationstechnik, eine echte Doppel-Ausbildung also. Ohnehin gilt in der Zunft: vielseitig sein, alles können von Swing bis Rock, Tini Thomsen spielt gern auch mal Querflöte, Klavier, Gitarre, Percussions, Trompete und die anderen Instrumente der Saxophon- Familie. Noch so eine Liebhaberei: „Die Kontrabassklarinette, die kann man wunderbar für Filmmusiken einsetzen.“ Stichwort Bariton: Das geht ordentlich in den Keller, Zauberer können auch ganz hohe Töne, das kann Tini Thomsen natürlich auch, „aber ich spiele ein Instrument lieber in den Bereichen, in denen es am besten klingt“. An ihrem alten, schon etwas schäbigen Selmer schätzt sie den knackigen, markanten, druckvollen Sound, der auch ihren Kompositionen und ihrer meist athletischen Spielweise entspricht.

Lieber Dorf-Idylle statt Großstadt

Seit dem Master-Abschluss 2011 arbeitet Tini Thomsen zu gleichen Teilen als freie Musikerin, Arrangeurin und Komponistin, sie gewinnt Preise, ist in unzähligen prominenten Projekten und auf den internationalen Festivals zu hören. Eine echte Großstadtpflanze war Tini Thomsen nie, nach 15 Umzügen lotste ein Kollege vom Polizeiorchester Hamburg die beiden Hitchcocks vor anderthalb Jahren von dem niederländischen Voorthuizen auf seinen Resthof nahe Lüneburg. „Den Bauwagwen haben wir mitgebracht, er hat Nigel und mir beim Umzug mit unserem Kram gute Dienste geleistet.“

Ihre Bands heißen MaxSax und Q4, neuerdings leitet sie auch die Lüneburger Bigband Reloaded. Am Sonntag, 10. Juni, 15 Uhr, tritt sie mit Reloaded im Reinstorfer „One World“ auf. Gerade düdelt das Smartphone, der NDR fragt nach einem TV-Interview. Für ein Komponisten-Porträt des Hessischen Rundfunk muss sie noch ein paar Partituren schreiben, eine schwedische Profi-Truppe benötigt für Thomsens Arrangement von Prokofievs „Peter und der Wolf“ noch eine Bigband-Fassung, mit MaxSax soll es demnächst wieder ins Studio gehen. Genug zu tun. Also ab in den Bauwagen – obwohl: Das Gemüse müsste wirklich noch einmal gegossen werden.

Von Frank Füllgrabe