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Jochen Sollmann in seinem Labor: Dieses New-York-Motiv soll einen zentralen Platz in der Ausstellung bekommen. Foto: ff

Das unvergütete Objektiv

Betzendorf. Der Apparat sieht aus, als stamme er noch aus der Kaiserzeit. Tatsächlich wurde er im 21. Jahrhundert gebaut: Die Großbildkamera, die Jochen Sollman n auf das Stativ schraubt, ist vor allem aus Holz, und die Platten, die es damit zu belichten gilt, messen acht mal zehn Inch, also etwa zwanzig mal fünfundzwanzig Zentimeter. Sollmann ist kein Romantiker, er mag einfach quadratmetergroße Abzüge ohne Pixel-Gekrüssel, denn die Bild-Auflösung solcher Kameras ist verblüffend. Beispiele zeigt der Fotograf ab Freitag in der Küsterscheune Betzendorf, dazu Bilder, die mit Mittel- und ganz normalen Kleinbildkameras entstanden; Titel: „New York – Berlin – Betzendorf“.

Oberflächlichliche Erscheinung

Einen gewissen Retro-Charme strahlen die Bilder, Landschaften vor allem, schon aus – es sind analoge Schwarzweißfotografien, die Jochen Sollmann in seiner Dunkelkammer in Oldendorf/Luhe natürlich auch selbst entwickelt. Seine Arbeiten schöpfen aus umfassender Kenntnis von Technik und Geschichte, das Besondere erschließt sich aber nicht zwingend auf den ersten Blick.

„Die Motivation ist für mich zunächst immer ein besonderes Aussehen“, sagt Jochen Sollmann, „also tatsächlich die oberflächlichliche Erscheinung – sei sie hässlich oder schön, banal oder außergewöhnlich.“ Und: „Es zieht mich sogar eher zum Banalen, denn das wird meist übersehen und übt doch den größten Einfluss auf uns aus.“

„Fotografie ist nie objektiv“

Sollmann, Jahrgang 1971, studierte Agrarwissenschaften, Philosophie, Osteuropäische Geschichte und Slawistik. „Ich wurde von der russischen und baltischen Fotografie beeinflusst, in der ziemlich respektlos mit dem Abzug umgegangen wird.“ Der Fotograf lernte unter anderem an der Ostkreuzschule in Berlin, die heute fast Kultcharakter hat, allerdings eher auf die Reportage zielt, während sich der Oldendorfer vor allem in Landschaften und in Architekturen wohlfühlt. Und noch etwas: „Fotografie ist nie objektiv sondern immer Manipulation, allein schon wegen der Auswahl des Ausschnitts und der Beeinflussung von Kontrasten und Helligkeitswerten.“

Was nun nach einem Fehler, einer Ungenauigkeit aussehen mag, ist beispielsweise kalkulierte Unschärfe an den Rändern und das Überschreiten technischer Grenzen, herbeigeführt etwa durch unvergütete Objektive, lange Verschlusszeiten und große Blendenöffnungen. „Unvergütet“ heißt, dass das Objektiv-Glas unbeschichtet ist. Es lässt weniger Licht hinein, erzielt aber – etwa bei grellem Gegenlicht – weichere Übergänge.

Die Vernissage am Freitag beginnt um 19 Uhr

Und so fotografiert der Künstler melancholische Szenen der Stadtlandschaft von New York, Flickwerk-Bebauung in Berlin, zeigt klassische street-photography (der Klassiker: Momentaufnahmen isolierter Menschen in der Straßenschlucht) und immer wieder Feld und Wald daheim: keine prächtigen Erscheinungen, sondern eben die bescheidenen Kiefern, die uns nun mal täglich begegnen und unsere Wahrnehmung prägen.

Die Vernissage am Freitag beginnt um 19 Uhr, die Ausstellung ist bis 24. Juni jeweils sonnabends/sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Im Rahmen der „Sonntagsrunde“ des Kulturvereins spricht Jochen Sollmann am 17. Juni um 17 Uhr über „Meine Geschichte der Fotografie“.

Von Frank Füllgrabe