Aktuell
Home | Kultur Lokal | Leben ist Bewegung
Für Vicky Kämpfe ist Tango weit mehr als ein Tanz. Foto: oc

Leben ist Bewegung

Lüneburg. Sie haben einen kleinen Innenhof, er ist gepflastert, eine Menge Grünpflanzen ranken sich Topf um Topf, dazu Sitzbank, Stuhl, Tisch. „Patio“ nennt Vic ky Kämpfe den spitz zulaufenden Hof. Sie lebt in der Altstadt, mit ihr Roberto Barcena. Er stammt aus Argentinien und kann als so etwas wie der Tango-Philosoph gelten. Sie stammt aus Chemnitz, wurde im argentinischen Córdoba auf immer und ewig vom Tango infiziert, und nun kommt das Buch zu ihrer Dissertation auf den Markt: „Kulturerbe Tango“.

Tango wurde 2009 zum Weltkulturerbe erklärt

Vicky Kämpfe studierte in Lüneburg Kulturwissenschaft, Abschluss 2005. Das Tangotanzen verdichtete sich während des Studiums und wurde Lebensinhalt. Sie organisiert Auftritte für die Projekte von Roberto Barcena, der immer den Tanz mit Themen aus Philosophie und Literatur unterfüttert. Sie kümmert sich um Orte, um Werbung, trainiert selbst hart, gibt Kurse und wollte eigentlich längst weg. „Ich wollte nie hier leben, es war mir zu provinziell. Aber man lernt es zu schätzen, die Qualität der Stadt, die Natur und die Infrastruktur, die man sich aufgebaut hat“, sagt die 39-Jährige heute. Sie fühlt sich wohl im Patio und hat sommerfrische Tees aus Kräuter-/Fruchtmischungen zubereitet. Tee-Sommelier, das ist Vicky Kämpfe auch.

Tango wurde 2009 zum Weltkulturerbe erklärt – als schützenswertes immaterielles Kulturgut. „Kommt das Erben nach dem Tod?“ fragt Kämpfe scheinbar banal in ihrer Dissertation. Sie geht der Frage nach, was denn passiert, wenn zum Beispiel Tango den Stempel Weltkulturerbe erhält. Macht man ihn damit tot? Oder gibt man ihm Raum? Steckt man ihn ins Museum? Schreibt ihn in seiner Entwicklung fest?

Tanz folgt einer eigenen Sprache

Es gibt eine lange Liste mit immateriellem Kulturerbe in Deutschland. Sie reicht vom Biikebrennen bis zur Flößerei, vom Schützenwesen bis zum Kneippen. „Ich habe Tango genommen, weil er mich interessiert.“ Sie kennt den Tanz in all seinen Schattierungen, den Tango Argentino natürlich, der in den Armenvierteln am Rio de la Plata geboren wurde und in die feine Gesellschaft aufstieg, später zum turnierreifen Standardtanz entwickelt wurde. Seit Jahren ist der Tango in Deutschland – in vorwiegend akademischen Kreisen – populär geworden. Im Kurpark drehen sich die Paar regelmäßig, nächster Termin: 6. Juni. „Authentisch“ sei der Tango, der dort getanzt werde, sagt Vicky Kämpfe und meint: für Deutschland authentisch. Echter Tango decke den ganzen Lebensbereich ab, in Europa werde ein passender Teil herausgegriffen.

Vicky Kämpfe entwickelt in ihrer Doktorarbeit Positionen, die der Musealisierung des Tangos entgegenwirken sollen und seine Weiterentwicklung ermöglichen – samt der „Wissensbestände, die nicht verbal vermittelbar oder beschreibbar sind“. Tanz folgt einer eigenen Sprache, jeder Tanz seiner eigenen. Kämpfe kommt zum Begriff „Lebendige Tanzarchive“. Das Sammeln von Filmen, Büchern und Dokumenten nütze nichts, wenn nicht zugleich der Tanz praktiziert, erfahren, weitergegeben wird – über alle Moden hinaus.

Tango als Teil von Demokratiebildung

Dahinter steht, so Vicky Kämpfe, auch das Wissen über den Wert einer Gesellschaft in Bewegung. Wer viele Formen der körperlichen und geistigen Bewegung kennt, ist offen für eine breit aufgestellte, variantenreiche Gesellschaft. Der Tanz, der Tango wird, man kann es so sehen, Teil von Demokratiebildung.

Am Tag nach dem Gespräch schickt die Tänzerin und Wissenschaftlerin per Mail ein Zitat von John Neumeier hinterher: „Leben ist Bewegung. Wenn Sie sich nicht mehr bewegen, sind Sie tot.“

Das Buch „Kulturerbe Tango – Tanz, Politik und Kulturindustrie“ erschien im Verlag transript, hat 306 Seiten, kostet 39,99 Euro.

Von Hans-Martin Koch