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Robert Seethaler las 2015 in Lüneburg im Rahmen der LiteraTour Nord. Foto: t&w

Der Meister der leisen Töne

Lüneburg. Über allem steht diese eine Frage: „Was war wirklich wichtig?“ Was nach einer Bilanz am Ende des Lebens klingt, führt der österreichische Erfolgsautor Robert Seethaler in seinem gerade erschienenen Roman „Das Feld“ noch einen Schritt weiter: Die Bilanz nach dem Ende des Lebens.

Was also war wirklich wichtig im Leben? Was war dann doch belanglos? Was bleibt von einem Leben? Diese existenziellen Fragen verarbeitet Seethaler, 2011 Heine-Literaturstipendiat in Lüneburg, ebenso ambitioniert wie brillant in seinem neuen Werk. Dazu verleiht er den Toten auf einem alten Friedhof („das Feld“) in Paulstadt, einer fiktiven Kleinstadt im Irgendwo, noch einmal eine Stimme. „Er malte sich aus, wie es wäre, wenn jede der Stimmen noch einmal Gelegenheit bekäme, gehört zu werden. Natürlich würden sie vom Leben sprechen. Er dachte, dass der Mensch vielleicht erst dann endgültig über sein Leben urteilen könnte, wenn er sein Sterben hinter sich gebracht hätte“, heißt es im Einleitungskapitel.

Einmal noch sprechen die Toten

Und so sprechen sie noch einmal über ihr Leben, die Toten von Paulstadt. Der spielsüchtige Trinker, der korrupte Bürgermeister, der Postbote, der arabische Gemüsehändler, das unglückliche Zimmermädchen, die alte Frau, die das Trauma ihrer Flucht nie besiegen konnte, oder der fanatische Pfarrer. Sie sprechen über ihre Gefühlserinnerungen, über zwischenmenschliche Dramen, über Siege und Niederlagen, über das Älterwerden, über das Sterben. Einmal heißt es: „Im Grunde genommen verstehe ich ja nichts von der Liebe, und vom Leben weiß ich nur, dass man es zu leben hat. Aber immerhin habe ich jetzt vom Sterben eine Ahnung: Es beendet die Sehnsucht, und wenn man stillhält, tut es gar nicht weh.“

Es gibt Lebensbeichten, Abrechnungen, unerfüllte Träume, es geht um Liebe, Verlust, Einsamkeit, Normalität – kurz: um alles, was das Leben ausmacht. Robert Seethaler, der in Berlin und Wien lebt, verwebt die teils ergreifenden, teils komischen, teils lakonischen Geschichten der Toten meisterhaft zu einem Kaleidoskop einer kleinen Stadt, einem menschlichen Miteinander im Guten wie im Bösen. Er zeichnet feine Lebenslinien mit einer Präzision, für die andere Autoren die 1000-Seiten-Marke gesprengt hätten. Seethaler benötigt dafür nicht einmal 250. Und man hat nie den Eindruck, es würde etwas fehlen.

Präzise, poetisch und knapp, aber nie karg

Bei einer Lesung Anfang 2015 in Lüneburg sagte Seethaler: „Manchmal schreibe ich am Tag nur einen Satz. Aber der muss dann sitzen.“ Seine Sätze sitzen alle. Seine Sprache ist präzise, poetisch, knapp, aber nie karg. Sie lässt dem Leser Zeit zum Luftholen, zum Reflektieren. Statt überbordender Wort-Ornamentik bietet sie hier und da Lücken für die nötigen Bilder, die Seethalers Werke einzigartig machen. „Das Feld“ unterscheidet sich in dieser Hinsicht nicht von seinen großen Erfolgen „Der Trafikant“ und „Ein ganzes Leben“.

Robert Seethaler hat einen leisen Roman geschrieben, der ungeheure Wucht entwickelt. Es ist kein Buch über den Tod, sondern ein Buch über das Leben.

Robert Seethaler: Das Feld. Hanser-Verlag, 240 S., 22 Euro.

Von Matthias Sobottka