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Szene aus der Shakespeare-Adaption „Romeo und Julia“. Foto: Tamme/Theater

Ach, das größte der Gefühle

Lüneburg. Es wird stockdunkel im T.NT, Lautsprecher suggerieren eine Regennacht. Eine Frau betritt die Bühne, einen Leuchter mit brennender Kerze in der Linken, einen Stift in der Rechten. „Liebe ist…“ schreibt sie an die weiße Wand, während es heller wird und neun weitere junge Menschen in weißem Hemd, schwarzer Hose und farbenfrohen Schuhen die Bühne stürmen. Sich berührend und monologisierend beginnen sie, von ihren Erfahrungen rund um das für sie faszinierendste und facettenreichste aller menschlichen Gefühle zu erzählen.

Das „Theaterlabor#Liebe“ des frisch gegründeten StudiSchauspiel-Theaterclubs ist eröffnet und hält bis zum Ende, was es anfangs verspricht: mehrschichtige Anregungen zum Nachdenken und spannende Unterhaltung. Vier Verantwortliche aus dem Theater-Schauspielensemble stehen für die erste Produktion des Formats „StudiSchauspiel“, das dem Prinzip der bereits erfolgreichen StudiMusical–Produktionen folgt. Für das „Theaterlabor#Liebe“ bildeten die Profi-Schauspieler zwei Teams: Tülin Pektas und Jan-Philip Walter Heinzel betreuten die „Liebe ist…“–Geschichten, Beate Weidenhammer und Yves Dudziak betreuen das Shakespeare-Fragment „Romeo und Julia“.

Acht Frauen und ein Mann

Ganz unterschiedlich steigen beide Gruppen in das gemeinsame Thema Liebe ein. Die Gruppe Pektas/Heinzel geht von der Suche nach Liebe aus, sucht zunächst vorsichtig Körperkontakt. Acht Frauen und ein Mann bilden einen Kranz streichelnder Hände um die erste Person, die aufsteht und von einem seltsamen Traum berichtet, der sich als wahres Erlebnis einer anderen herausstellt. Die anderen erzählen, improvisieren, dichten und mimen nach und nach eigene Geschichten. Es sind berührende Geschichten von Menschen, deren Schulalltag noch nicht lange her ist, und die ihr Leben entdecken.

Die Wand füllt sich zusehends mit Ausdrücken, die von Nähe, Glück, Sehnsucht und bitterer Enttäuschung sprechen. Wer gerade handelt, schält sich aus der oft maskenhaft erstarrenden Gesellschaft heraus, mutiert ganz plötzlich zu einem Individuum mit starkem Innenleben. Die Aktionen faszinieren durch ihre wirkungsvolle Authentizität.

Interesse am alten Text wächst

Nach anderen Darstellungsmöglichkeiten sucht das zweite Ensemble. Eine Reclam-Ausgabe von Shakespeares Romeo und Julia, wie man sie aus dem Unterricht kennt, liegt auf dem Boden. Das Büchlein wird von den acht Protagonisten nicht oder kaum beachtet. Die Seiten werden höchstens angelesen, müssen als Notizzettel oder gar als Toilettenpapier herhalten. Liegen bleibt das Fragment einer Tragödie.

Doch das Interesse am alten Text wächst, man probiert auf viele Arten Julias „ach“ und ereifert sich für ganze Sätze der Balkonszene. Zum Eintauchen in die Renaissance werden Halskrausen angelegt, wie zur Shakespeare-Zeit in Mode. Man zitiert nicht ohne Witz das Alte und mischt geschickt Liebes-Probleme aus dem Hier und Jetzt hinein in das talentiert gelenkte Spiel aus turbulenten Szenen, drastisch oder pathetisch formulierten Liebesgedanken, man rezitiert Poetry Slam oder singt ein sanftes Liebeslied.

Am Ende begeisterter Applaus. Weitere Vorstellungen folgen am 13. und 16. Juni, jeweils um 20 Uhr.

Von Antje Amoneit

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