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Was bedeuten Reisen? Anja Kampmann und Matthias Politycki lauschen den Fragen von Martina Sulner. Foto: t&w

Aufstieg in die Erste Liga

Lüneburg. Der Rumäne Catalin Florescu erinnert sich zuallererst an die Bordell-Wohnmobile auf dem Weg nach Lüneburg, kurz hinter Soltau. Antje Rávic Strubel den kt an Weihnachtsmarkt und Pferdegetrappel, Gunther Geltinger an den Ruf der Doppelschnepfe (Gallinago media). Und fast alle sprechen von der friedlichen, kreativen Arbeit angesichts des Gefängnisses gleich gegenüber, auf der anderen Straßenseite: Zwei oder drei Autor(inn)en pro Jahr haben in der Stipendiatenwohnung des Heinrich-Heine-Hauses gegrübelt, geschrieben und gestrichen. Jetzt feiert Lüneburgs renommierte Institution Jubiläum.

„Ferne – Heimat: Vom Unterwegssein und Ankommen“, unter diesem Titel stand die Auftaktveranstaltung im Rathaus zur 25-Jahr-Feier des Literaturbüros. Kerstin Fischer, Mitarbeiterin seit 1997, Büro-Leiterin seit 2000, führte durch den Abend – und war zugleich diejenige, der die Ehrungen galten. Dass Lüneburg literarisch in der Ersten Liga spielt, ist auch ihr Verdienst. Die Liste der Autoren, die hier Lesungen bestritten, liest sich wie ein Best of. Dazu die Stipendiaten – heutige Besteller-Autoren sind dabei, siehe Robert Seethaler, junge Szene-Stars wie Finn-Ole Heinrich und hochdekorierte Kollegen wie Büchner-Preisträgerin Felicitas Hoppe, die als Ehrengast am 20. September wieder nach Lüneburg kommt.

Thomas Rosenlöcher war 1993 der erste Gast

Der Anfang des Bücher-Hauses, in dem Heinrich Heine bei Verwandtenbesuch heftig an der Provinzialität Lüneburgs litt, waren durchaus anstrengend. Oberbürgermeister Ulrich Mädge sprach davon, wie Kulturministerin Helga Schuchardt seinerzeit 1993 Druck machte: Wenn denn Gelder aus Hannover fließen sollten, dann möge die Stadt Lüneburg bitteschön mit ihrer Immobilie am Ochsenmarkt etwas Vernünftiges anfangen. Und so entstanden hier nicht nur Büros, sondern auch das Literaturbüro plus Stipendiatenwohnung mit Blick auf Gericht und Knast. Thomas Rosenlöcher war 1993 der erste Gast.

Saxophonist Hans Malte Witte und Matthias Grabi (Klavier) umrahmten nun im Fürstensaal eine Revue, in der Schauspielerin Stefanie Schwab („The Black Rider“) also Erinnerungen der Stipendiaten präsentierte – dankbare die meisten, auch wenn Markus Orths hier „250 Seiten geschrieben hat, die am Ende nicht zu gebrauchen waren“. Das führte zu Überlegungen des Autors über „die Wichtigkeit des Scheiterns“, und ob „Reibungslosigkeit“, also die Behaglichkeit des Stadtschreibers in der Stube, wohl der Grund war. Es gab dann aber ein Happy End: Das Manuskript taugte für verschiedene kürzere Geschichten.

Martina Sulner moderierte

Über den Rückblick hinaus bot der Abend ein Thema, ein Podium mit Anja Kampmann und Matthias Politycki, moderiert von Martina Sulner: das Reisen – nicht im Sinne von Urlaub, sondern von Erkundung, Eroberung und Verirrung. Anja Kampmann, Jahrgang 1983, aufgewachsen in Lüneburg, ist zurzeit mit ihrem Roman „Wie hoch die Wasser steigen“ erfolgreich. Das ist die Geschichte eines Arbeiters, der auf einer fernen Ölbohr-Plattform seinen besten Freund verliert, und über Umwege wieder im Ruhrgebiet ankommt – hier, wo seine polnischen Familienangehörigen als Gastarbeiter begannen. Matthias Politycki, 1955 in Karlsruhe geboren, hat die meisten Länder der Erde bereist, trug nun Gedichte vor, die unterwegs entstanden – aus dem Gefühl der Einsamkeit des Reisenden heraus. Reisen, so viel wurde schnell klar, bedeutet Arbeit, das sich-Einlassen auf das Unverständliche. Ankommen kann auch bedeuten, Freunde in der Fremde gewonnen zu haben. Oder, wie Florescu, Vertrautes aus der Heimat wiederzufinden.

Von Frank Füllgrabe

Das Jubiläums-Programm

Ohne Schwein geht es nicht

So geht es weiter:

Sonnabend: 11 Uhr, Glockenhaus: „Liliane Susewind. Giraffen übersieht man nicht“, Lesung mit Tanya Stewner.
15.30 bis 17 Uhr: „Ohne Schwein geht es nicht!“, Lüneburg in der Literatur, Textauszüge, geführt und vorgetragen von den Stadtführern Klaus Niclas und Verena Fiedler.

Sonntag: 10.30 bis 12 Uhr: „Beherzt schreiben – Literarische Wegbereiterinnen“, Stadtführung mit Verena M. Fiedler

Donnerstag: 19 Uhr, Lesung mit Peter Stamm, Leuphana-Zentralgebäude.

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