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Nein, hier geht es nicht um eine neue Hauptdarstellerin bei den „Roten Rosen“: Der aktuelle Roman der Autorin Martha Sophie Marcus dreht sich neben dem Mätressen-Wesen auch um die barocke Kunst des Gärtnerns. Foto: ff

Prostitution mit Zertifikat

Lüneburg. Mätresse? Bei diesem Wort fallen den meisten Menschen wohl auch ähnliche Bezeichnungen wie Kurtisane und Konkubine ein: mit Schmuck behängte Frauen an der Seite eines Herrschers, die tagsüber höfischen Glanz und nachts Erotik ausstrahlen sollten – also: Edelnutten. Aber Mätressen hatten über die Jahrhunderte viele Rollen in den wechselhaften Geschichten großer und kleiner Potentaten. Eine davon erzählt Martha Sophie Marcus in ihrem Roman „Das Mätressenspiel“.

Der Roman erscheint bei Bastei Lübbe zwar erst am 29. Juni, er wird aber bereits jetzt gelesen und diskutiert. Das Forum dafür ist ein Online-Portal, die „Lese-Jury“. Der Verlag verteilt als Appetithäppchen Leseproben, die dann Kapitel für Kapitel auf der Plattform diskutiert werden. Das ist spannend – und mitunter anstrengend – für die Autorin. Aber es läuft nicht schlecht.

„Das Mätressenspiel“ steht in der Nachfolge ihres Romans „Das blaue Medaillon“ (ebenfalls Bastei Lübbe) und führt im 17. Jahrhundert vom Celler Schloss nach Hannover, an den Hof des Herzogs Ernst August von Braunschweig-Lüneburg. Hier herrscht neben ihm seine Gattin, die Herzogin Sophie – aber auch Clara Elisabeth von Platen, tatsächlich die wohl mächtigste Frau jener Zeit im Hannoverschen. Clara von Platen ist nicht irgendeine Geliebte, sondern „Maîtresse en titre“, also gewissermaßen zertifiziert. Dafür musste sie offiziell am Hofe vorgestellt werden. Seit dem Absolutismus galten Mätressen als legitime Karrierefrauen, deren eigene Ehemänner ihren Werdegang nach Kräften förderten.

Getuschel über die Kinder des Herzogs

Man kann sich leicht vorstellen, dass Herzogin Sophie nicht unbedingt begeistert von dieser Nebenfrau war, zumal die Herkunft der Herzog-Kinder immer wieder für Getuschel sorgte. Insgesamt eine Konstellation, die Martha Sophie Marcus nach heutigen Maßstäben „absurd“ findet, aber damals eben zum allgemeinen gesellschaftspolitischen Kampf um Macht und Einfluss gehörte, und der erfahrenen Autorin historischer Romane allerhand Potenzial bot.

Bis hier also ist der Plot authentisch. Martha Sophie Marcus bringt nun ihre fiktive Protagonistin Helena von Minnigerode ins Spiel. Die junge Dame verliert mit dem Tod ihres Bruders ihre gesamte Existenzgrundlage: Das Gut der Familie und sämtliche Privilegien gehen an ihren Onkel Roderick über. Helena bleibt nichts anderes übrig, als um die Aufnahme als Hofdame zu ersuchen – und gerät prompt zwischen die Fronten der beiden mächtigen Frauen.

Aus dem „blauen Medaillon“ hat Martha Sophie Marcus den aus Venedig stammenden Jungen Floriano Piras übernommen, der nun Hofgärtner in Hannover-Herrenhausen wird. Das Wachsen der berühmten Herrenhäuser Gärten ist ein zweites Thema des Romans, den die Autorin ihrer Mutter widmet, einer begnadeten (Hobby-)Gärtnerin. „Ich selbst war immer fasziniert von diesem Barockgarten, den ich während meines Studiums in Hannover oft besucht habe.“

Historische Romane sind eine Kunst für sich. Bei aller Recherche und Korrektheit ließen sich manche kleinen Schummeleien nicht vermeiden. So wurde das komplizierte System der jeweils für eine Person gültigen Titel, deren Hierarchie damals natürlich jeder auswendig wusste, ein wenig geglättet, um den Leser nicht völlig zu verwirren. Und: Den Begriff „Pony“ gab es wohl im 17. jahrhundert noch nicht, so Martha Sophie Marcus, „aber wie man die besonders kleinen Pferde stattdessen nannte, auf denen man Kinder reiten ließ, konnte ich nicht herausfinden.“

Sohn des Herzogs wird König von England

In Gedanken ist „SMS“ längst bei ihrem nächsten Roman, er führt nach England. Denn Georg Ludwig von Braunschweig-Lüneburg, erstgeborener Sohn des Hannoverschen Herzogpaars, wurde als Georg I. König von England, Schottland und Irland.

Martha Sophie Marcus: „Das Mätressenspiel“, Bastei Lübbe, 463 Seiten, 11 Euro, ab 29. Juni

Von Frank Füllgrabe