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Dokumentationen und Spielszenen mischen sich in der Inszenierung „Is it future or...is it past?“. Foto: Tamme/Theater

Die Schulzeit des Diktators

Lüneburg. Das Leben ist ein langer, ruhiger Fluss. Dieser Satz wird Konfuzius zugeschrieben. Aber hat er Recht? Ist das Leben nicht eher ein Gebirgsbach, mal langsam, mal schnell, mit Strudeln und tückischen Stromschnellen zwischendurch? „Is it future or… is it past?“ heißt eine Produktion des TheaterJugendClubs, die das Leben eher in seiner unberechenbaren Sprunghaftigkeit schildert. „Back to Highschool“ führt außerdem ein zweites Stück mit dem zunächst etwas rätselhaften Titel „Chanel No. Romeo & Julia“, beide Inszenierungen sind nun als Doppelprogramm im T.3 zu sehen.

Wer bekommt die Hauptrollen?

Als JugendClub-Leiterinnen haben Birgit Becker („Chanel…“) und Katja Meier („Is it future…“) ihren Teenager-Gruppen größtmögliche Freiheit gelassen. Die Themen und ihre Umsetzung, das alles kommt weitgehend aus den Ensembles. „Romeo & Julia“ ist zunächst die berühmte Shakespeare-Tragödie mit den verfeindeten Familien, angewandt auf ein Schulszenario, hier soll das Drama aufgeführt werden. Aber wer bekommt die Hauptrollen? Da sind die „Chanels“, eine Clique aufgerüschter, arroganter Tussies, die für die ungeschminkten Jeans-und-T-Shirt-Träger nur Verachtung übrig haben. Es geht um reiche Eltern/arme Eltern, Pubertät, Liebeskummer, Einsamkeit in der Gruppe, um Mobbing, Sehnsucht nach Anerkennung, Flucht aus der Realität – letzteres bietet ein Dealer, der seinen Stoff in der Schule vertickt.

Eingebettet ist die Handlung in eine SciFi-Geschichte, Stichwort „Zurück in die Zukunft“: Im Jahre 2048 regiert ein grausamer Diktator in einem unmenschlichen Überwachungsstaat. Wer und was hat ihn seelisch so deformiert? Die Spur führt natürlich in die Romeo-und-Julia-Gegenwart, ein Zeitreisender versucht, den Diktator in spe aus dem Verkehr zu ziehen.

Multimedia-Collage aus persönlichen Lebensgeschichten

Das ist ein Stück, hauptsächlich zusammengesetzt aus klassischen Spielszenen. „Is it future“ funktioniert anders: eine Multimedia-Collage aus persönlichen Lebensgeschichten, aus Erinnerungen und Ausblicken, aus Zukunftsvisionen, die schon wieder Vergangenheit sind. Dafür haben Senioren auf Band gesprochen, es gibt ironische Zitate („Wir hatten nie die Absicht, eine Mauer zu bauen“), Fotografien und Schattenspiele, Erinnerungen an die Fünfziger und Sechziger Jahre, als Fernsehen noch schwarzweiß war und aus nur einem Sender bestand. Ein Radio war für einen Azubi (sie hießen noch Lehrling) fast unerschwinglich, aber es gibt ja Ratenzahlung. Solche Erinnerungen führen dann zu konkreten Lüneburger Orten und Geschäften. Der Mauerbau war ein Schock und ist mittlerweile Vergangenheit – wirklich, das Leben ist kein ruhiger Fluss. Spaß machen Quiz-Spiele mit dem Publikum und slapstickhafte Szenen, in denen einzelne Akteure etwa „Die Langeweile der Blumenverkäuferin“ und „Das letzte Weidenkätzchen auf einem Zweig“ darstellen.

Zwei knackige Dreiviertelstunden, vom Publikum bei der Premiere entsprechend gefeiert. Es spielen – in der Regie von Birgit Becker – Jamie Bien, Enrique Carneiro, Marco Carneiro, Alexia Gaisler, Till Gehrke, Hannah Greiwe, Lara Kassat, Celina Riegel, Ben Riepenhausen, Janina Rusche, Charlotte Wabnitz, Liv Wiesenberg und Julie Wiesenber. Sowie – in der Regie von Katja Meier – Helena Ahlgrimm, Saad Fidaoui, Janek Fulda, Vianne Hentschel, Lina Kroll, Hannah Krüger, Addick Meinardus, Alicia Marie Peters, Henrik Schröder, Finn Söder und Fiene Ella Westedt. Die nächsten Aufführung: 12. und 19. Juni.

Von Frank Füllgrabe