Donnerstag , 20. September 2018
Aktuell
Home | Kultur Lokal | „sonne ersticht nebel, nebel erstickt sonne“
Christiane Opitz präsentiert eine Latex-Installation von Katarina Dubovska. Foto: ff

„sonne ersticht nebel, nebel erstickt sonne“

Lauenburg. Wer über das Kopfsteinpflaster der Elbstraße bummelt, der findet rechts und links in den schnuckeligen Läden allerhand Kunsthandwerkliches, vom Tinn ef bis zur anspruchsvollen Keramik. Auch die Hausnummer 54, das ehemalige Schreyersche Gasthaus, wirbt um Besucher. Hier allerdings führt der Weg durch das rustikale Foyer der Schankwirtschaft nach hinten raus in einen White Cube, einen weißen Raum also, eine moderne Galerie. Wilkommen in der contemporary art, der Kunst der Gegenwart.

Unbekannte Pflanze aus der Arktis Nummer acht

Gerade ist die 32. Generation von Stipendiaten in das Künstlerhaus gezogen – drei bildende Künstler, eine Schriftstellerin und eine Komponistin. Was sie mitgebracht beziehungsweise bereits gefertigt haben, das vermittelt einen Eindruck von ihren Positionen. Am auffälligsten sind zunächst die bunten, an den Sprossenfenstern drapierten Objekte von Katarina Dubovska, die den Blick auf die Elbe einschränken. Was ist damit gemeint? „Unknown Plant at the Edge of the Arctic #8“, das klingt bei einem gewissen ironischen Unterton – nach SciFi, nach Aliens: Latex-Bahnen, mit Inkjet-Tinte im Batik-Look eingefärbt, das könnte eine abgestreifte Haut sein, schön und etwas unheimlich zugleich, wer weiß. Apropos White Cube, er ist streng genommen gar keiner mehr, Katarina Dubovska hat ein blaues Raster auf die Wände gesetzt, eine kühle, irritierende Note.

Eine gewisse Rätselhaftigkeit gehört dazu, auch bei Harald Popp. Er präsentiert Fotografien von Bauern- und Bäckerstuben-Interieurs, auf den zweiten Blick kommt Unsicherheit auf. Es fehlt der Größenmaßstab, es könnten Puppen- oder auch Riesenstuben sein. Dazu gehören (reale) Keramikvasen, aus denen ein leiser Klang strömt, noch ein Tor zu einer anderen Welt.

Peter Strickmann arbeitet fächerübergreifend

Unter dem Pseudonym „.aufzeichnensysteme“ ist Hanne Römer präsent. Die heute in Wien lebende Lyrikerin hat siebzig „Sackerl“, also Tütchen, an die Wand geheftet, mit Buchstaben und Zeichnungen bedruckt. Sie arbeitet mit sparsamen Notationen – „peng mit zwei händen“ etwa, oder „sonne ersticht nebel/nebel erstickt sonne“, das ergibt mal einen Sinn, mal nicht. Es sind eben Sackerl mit ein wenig Arbeitsmaterial. Der Begriff „.aufzeichnensysteme“ bezeichnet, so Römer, die „mediale und leibliche Schnittstelle von Literatur, visueller, radiophoner Kunst als Autorenschaft und Werk“.

Ähnlich fächerübergreifend arbeitet Peter Strickmann, auch er in diesem Fall mit sparsamen Mitteln: Seine Zeichnungs-Serie „X“ besteht aus neun Koordinatensystemen, in denen sich etwa Instrumente bestimmten Personen oder Schauplätzen zuordnen lassen, der Rest dieses stillen Kompositions-Apparates bleibt dem inneren Ohr überlassen.Wie klingt es wohl, wenn Meister Eder Spinett spielt, oder Serena Williams die Pauke?

Klänge aus dem Alltag der Stadt

Abgerundet wird die Erstpräsentation der Stipendiaten von Videos. Das „ensemble proton bern“ spielt die Komposition „Akt ohne Wörter“ von Elvira Garifzyanova, Peter Strickmann zeigt eine Videoinstallation, eine Aufzeichnung von Klängen aus dem Lauenburger Alltag – von Blättergeraschel bis zum Geklapper von Töpfen.

Das Künstlerhaus gehörte der Stadt Lauenburg, 2009 ging es an einen – bereits 2005 gegründeten – Förderverein über. Die Stipendiatenstätte wird institutionell durch das Land Schleswig-Holstein, den Kreis Herzogtum Lauenburg und die Stadt gefördert. Seit seiner Einweihung im Jahr 1986 haben mehr als 140 Künstler/innen als Stipendiaten in dem denkmalgeschützten Haus gearbeitet. Seit Mai 2018 arbeitet die Kulturwissenschaftlerin und Autorin Christiane Opitz als künstlerische Projektleiterin.

Die Ausstellung ist bis 5. August montags und dienstags von 11 bis 17 Uhr geöffnet, an Wochenenden von 15 bis 17 Uhr.

Von Frank Füllgrabe