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Die Party kann beginnen, und sie scheint turbulente Züge anzunehmen; Premiere ist am Sonnabend. Foto: Theater/Tamme

Stress mit Sex und Liebe

Lüneburg. Die einzige Operette, die Johann Strauss (Sohn) nicht geschrieben hat und die trotzdem von ihm ist, kam wenige Monate nach seinem Tod auf die Bühne. D ie Uraufführung von „Wiener Blut“ im Oktober 1899 floppte allerdings und mündete in Tragik: Theaterdirektor Fritz Jauner, ohnehin kurz vor der Pleite, nahm sich das Leben. Einige Jahre später, 1905, wurde das Werk neu einstudiert und zum Welterfolg. Jetzt kommt „Wiener Blut“ ins Theater Lüneburg, Premiere ist am Sonnabend, 16. Juni, um 20 Uhr.

Musikalisch bildet das Werk eigentlich keine Einheit. Denn Strauss sah sich gesundheitlich nicht mehr in der Lage, eine Operette zu inszenieren. Darüber kam Adolf Müller, Kapellmeister am Theater an der Wien, ins Spiel. Er kompilierte aus 31 Strauss-Werken eine schlüssige Operetten-Musik, anders gesagt eine Pasticcio-Operette, wie so ein Zusammenführen schon bestehender Musik genannt wird. Johann Strauss autorisierte die Zweitverwertung seiner Musik, erlebte ihre Aufführung aber nicht mehr, er starb im Juni 1899.

Affären in sogenannten besseren Kreisen

Der Titel der Operette stammt von einem gleichnamigen Walzer aus dem Jahr 1873. Das Libretto schrieben Victor Léon und Leo Stein, zwei Stars der Szene, die für Hits von der „lustigen Witwe“ bis zur „Csárdasfürstin“ verantwortlich sind.

Natürlich intrigieren auch in „Wiener Blut“, wie so oft in Operetten, fürstliche Herrschaften in Sachen Sex und Liebe. Chef-Charmeur ist Balduin Graf Zedlau, der als Gesandter von Reuß-Schleiz-Greiz am Wiener Kongress teilnimmt, aber mehr mit der Koordination seiner Affären befasst ist. Karl Schneider wird den Grafen singen und spielen. Gegenspieler des Grafen ist seine Gemahlin Gabriele, eine lebenslustige Frau, deren Party-Partie in Lüneburg Signe Ravn Heiberg übernimmt. Das gesamte Musiktheater-Ensemble ist gefragt, das Ballett, Chor- und Extrachor, auch das Schauspiel ist vertreten, und natürlich spielen die Lüneburger Symphoniker, die bei dieser Produktion Ulrich Stöcker leitet.

Auf die Bühne kommt auch überraschend eine Frau, die sich als das lebende Archiv des Theaters bezeichnen lässt. Waltraud Boehlk, lange Jahre an der Theaterkasse im Dienst und gefühlt schon immer am Haus und stets präsent, kann mehr über die jüngere Theatergeschichte erzählen als jede/r andere. Sie ist in der Wiener Operette als Kapitän zu sehen, eine Rolle, die auf eine ungewöhnliche Inszenierung hin deutet.

Fouquet/Rieckhoff als eingespieltes Team

Für die Inszenierung ist Intendant Hajo Fouquet verantwortlich, und für die Austattung sorgt Stefan Rieckhoff, der zuletzt in Lüneburg für „Die Hochzeit des Figaro“ und „Carmen“ im Einsatz war. Fouquet/Rieckhoff sind seit Jahren ein eingespieltes Team. Es wird viel zu sehen sein und turbulent zugehen in der neuen Fouquet/Rieckhoff-Produktion, die zugleich als letzte Premiere der am 24. Juni endenden Spielzeit steht. Am Finaltag, einem Sonntag, steht bereits um 15 Uhr „Wiener Blut“ auf dem Plan. Das ist dann die zweite Aufführung der Operette.

Beide Vorstellungen sind nahezu ausverkauft. Ab 5. Oktober wird weitergewalzert.

Von Hans-Martin Koch