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Oh je! Das Schiff sinkt und zieht die feine Schampus-Gesellschaft in die Tiefe. Aber die Party ist längst nicht vorbei. Foto: Theater/Tamme

Die Wellen schlagen hoch

Lüneburg. Jetzt ist es passiert. Die totgesagte und trotzig weiterlebende Operette ist nun doch untergegangen, und das wird sogar mit Standing Ovations gefeiert . Wie konnte das geschehen? Zur Aufklärung muss das Theater Lüneburg besucht werden. Dort läuft die Operette „Wiener Blut“ auf Grund, exakt gesagt, die MS Wien, die vom Hafen der Wien in Wien auf ungeahnten Wegen aus Wien heraus ins die Welt der Wale und Eisberge gelangt. Dort kommt es zum titanicösen Crash. Kapitän der Reise in den Untergang ist Intendant Hajo Fouquet, der in seiner Inszenierung der Strauss-Operette sehr ungewöhnliche Wege geht – und das Publikum geht mit.

Was für ein Bühnenbild! Stefan Rieckhoff hat den Bug der MS Wien in den Vordergrund geschoben, im Hintergrund ist eine wienerliche Stadt zu sehen. An der Schiffsrampe hockt der alte Kapitän und nimmt der eintrudelnden feinen Gesellschaft die Fahrkarten ab. Der Käpt‘n, das ist Waltraud Boehlk, sie setzt so ihre jahrzehntelange Arbeit an der Theaterkasse fort – eine originelle Besetzung! An Bord versammelt sich zu Ball und Knall nach und nach das operettenübliche Personal, anders gesagt die Solisten, der Chor und das Ballett.

Herr Graf und die Neigung zum Personal

Es wird eine Menge aufgefahren für einen bunt kostümierten und kühn frisierten Abend, in dessen Mittelpunkt Balduin Graf Zedlau dabei ist, seine Affären zu koordinieren bzw. sich in ihnen heillos zu verhedern. Es entwickelt sich ein heiteres Kuddelmuddel, in dem jede und jeder von einer Verwirrung in die nächste Intrige stürzt. Herr Graf folgt seiner Neigung zu Tänzerinnen und Personal, aber natürlich finden sich am Ende, wenn die feine und nicht so feine Gesellschaft untergegangen ist, die passenden Paare zusammen. Operette darf albern sein, darf frech sein, darf absurd sein, aber ohne Happy End geht die Chose nicht.

„Wiener Blut“ besteht aus einer Sammlung von Johann-Strauss-Musik, die sorgfältig zusammengeschnitten wurde und vom alt gewordenen Komponisten autorisiert wurde. So rauschen Walzer, Polka, Walzer, Marsch und Walzer durch den Abend, und Ulrich Stöcker geht mit den Lüneburger Symphonikern feste zur Sache, da tanzen selbst die Ohren. Im kurzen, zweiten Unterwasser-Teil wird der Klang weitaus differenzierter. Gesungen wird mit Mikroports, das ist ungewöhnlich.

Musik rauscht oberflächlich daher wie die ganze Gesellschaft

Musik und Handlung sind aufeinandergepfropft. Die Musik charakterisiert nicht, kommentiert nicht, sie rauscht oberflächlich daher wie die ganze Gesellschaft, die ihren drohenden Untergang nicht sieht. Vorher schon springt ein Wal hinten durchs Bild – ein wunderbar skurriler Moment im genreüblichen Gefühlswirrwar mit seinen Melodien, Arien, vom Dirigenten wohlgeordneten Ensembles und von Phillip Barczewski wohlpräparierten Chören.

Hajo Fouquet hat das gesellschaftliche Treiben mit viel Tempo in Szene gesetzt und lässt doch jeder der Figuren bzw. jedem der Akteure Spielraum. Die Frauen vor allem bekommen eine aktive Rolle, stehen weit besser da als die depperten Männer.

Die Party geht immer weiter

Immer passiert irgendwo etwas, und wenn die ganze Bagage samt Schiff absäuft, geht die Party eben auf dem fischreichen Meeresgrund weiter. Das Treiben droht dennoch manchmal etwas ins Leere zu laufen, da die Figuren alle an der Oberfläche kreisen und nicht wirklich berühren. Spaß kommt aber reichlich auf, vor allem, wenn Fouquet das Genre aufknackt. Am rasantesten, raffiniertesten und elegantesten passt es, wenn Olaf Schmidts Ballett einsteigt.

Es gibt Sänger wie Ulrich Kratz, die können aus jeder Figur Funken schlagen, hier zieht er als paddeliger Fürst von Ypsheim-Gindelbach eine spielerisch wie gesanglich starke Spur durchs Geschehen. Karl Schneider als Balduin kann das ebenso, Sarah Hanikels Pepi kommt frisch daher, Franka Kraneis als Franziska ebenfalls, und Signe Ravn Heiberg macht noch unter See mit Dreimaster auf dem Haarputz eine gute Figur. Musikalisch sprengt ihre Stimme fast die federnde Lockerheit, die Strauss verlangt.

Alexander Tremmel mischt als Kammerdiener mit

Der dritte Akt nach der Pause ist kurz, Fouquet streckt ihn. Es wird zu „La Mer“ getanzt, und die Lori, die Lotti und die Laura schluchzen Wiener Lieder, was Elke Tauber, Astrid Gerken und Dobrinka Kojnova-Biermann spürbar Spaß macht. Sie weanern kräftig, wie der angedeutete Dialekt ohnehin oft norddeutsche Ohren herausfordert. Einer aber darf polnisch charmieren: Wlodzimierz Wrobel, das besitzt auch ohne Übersetzung Witz. Zusammengehalten wird der Abend von Alexander Tremmel, der als Kammerdiener mitmischt und moderierend eingreift. Farbe ins Spiel kommt zudem, wenn Matthias Herrmann als Karussellbesitzer herum­prollt.

Es ist mächtig was los in Wien und unter See. Die Schauwerte sind enorm, Walzer und Polka marschieren, und wer sich darauf einlässt, erlebt einen fröhlichen Abend. Das Premierenpublikum feiert den Untergang der MS Wien und das „Wiener Blut“, das auch herunten auf dem Meeresboden pulsiert.

Von Hans-Martin Koch