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Sie sollen Zeichen setzen: Trompeter Markus Czieharz zum Finale und Klarinettist Nemorino Scheliga zum Auftakt. Fotos: Monika Lawrenz

Ein runder Geburtstag

Lüneburg. Es ist ja nur eine kurze Zeitspanne, aus der heraus sich Lüneburg zur Bachstadt erklärte. 1700 bis 1702 war der junge Johann Sebastian in der Stadt als Michaelisschüler und Chorknabe, das Thema ist durchforscht, die Quellenlage mäßig. Zugute kam Lüneburg, was ein wenig makaber ist, die Grenze zur DDR. Lüneburg war die einzige frei zugängliche Stadt mit Bezug zum berühmtesten aller Komponisten der Barockzeit. Alle anderen Lebensstationen spielten sich seit Kriegsende hinter der Grenze ab. Das ist vorbei, aber Lüneburg pflegt Bachs Musik weiter, zum Beispiel vom 21. bis 27. September mit der Bachwoche.

Einen Bach-Chor gab es bereits seit 1976

Die Konzertreihe wird in diesem Jahr 40 Jahre alt. 1978 gründete Claus Hartmann die Bachwoche. Im gleichen Jahr wechselte er mit dem Bachorchester Herzogtum Lauenburg, das er seit 1971 leitete, nach Lüneburg. Neben den großen Kantoreien wurden Orchester und Festival zu Trägern der Bachmusikpflege in der Stadt. Einen Bach-Chor gab es bereits seit 1976, von Winfried Fechner auf den Weg gebracht. Er suchte aber schnell ein Profil, in dem Bach nicht im Zentrum stand.

Bachorchester und Bachwoche sind ohne die Hartmanns nicht denkbar. Claus Hartmann an der ersten Geige, Dorothea Hartmann am Cembalo. Dazu kamen und kommen Musiker aus dem professionellen Bereich und Nichtprofis, die hohes spielerisches Potenzial mitbringen. Was das Orchester besonders auszeichnet, ist das Einbeziehen junger Musiker. Viele haben beim Bachorchester nachwirkende Erfahrungen gesammelt, und so einige kommen heute gern zurück, wenn es ihnen die Zeit erlaubt.

Von Claus Hartmann zu Leonie Hartmann

Immer hat Claus Hartmann es verstanden, junge Solisten zu gewinnen, bevor diese Karriere machen und nicht mehr bezahlbar sind. Dass es sich dabei oft um Geiger handelt, wundert beim Instrument des Orchesterleiters nicht. Mittlerweile hat Claus Hartmann die Leitung des Bachorchesters an seine Tochter weitergegeben. Leonie Hartmann ist wie ihr Vater Geigerin, besitzt ihren festen Platz im Philharmonischen Orchester Mainz und pendelt von dort so oft wie möglich zu Proben und Konzert nach Lüneburg. Leonie Hartmann wird das Auftaktkonzert der – alle zwei Jahre stattfindenden – Bachwoche vom ersten Pult aus leiten.

Im Fürstensaal des Rathauses erklingen am Freitag, 21. September, um 20 Uhr drei Werke: die 92. Sinfonie von Joseph Haydn („Oxford“-Sinfonie), die dritte Orchestersuite von Bach und das ebenso populäre Klarinettenkonzert von Mozart. Solist ist der 1995 geborene Nemorino Scheliga. Zweimal gewann er den 1. Bundespreis bei „Jugend musiziert“, auch mit seinem Monet-Quintett wurde er ausgezeichnet. Scheliga ist zurzeit Soloklarinettist des Stuttgarter Staatsorchesters.

Die weiteren Konzerte im Überblick:

Um „Jugend musiziert“ geht es am Sonnabend, 22. September, um 15 Uhr im Forum der Musikschule. Dort werden Bundespreisträger des Wettbewerbs auftreten.

Das spannendste, zumindest ungewöhnlichste Programm geht ebenfalls im Forum der Musikschule über die Bühne. Am Sonntag, 23. September, um 20 Uhr verbindet das Metamorphosen Ensemble Hamburg Ballettkunst und Kammermusik.

Häufiger Gast der Bachwoche ist die Pianistin Miku Nishimoto-Neubert, Sie spielt am Montag, 24. September, um 20 Uhr im Fürstensaal Musik von Bach und von Claude Debussy.

Tradition haben bei der Bachwoche Solo-Abende für Geiger oder Cellisten. In diesem Jahr ist es der Cellist Sebastian Klinger, der am Dienstag, 25. September, um 20 Uhr in der Klosterkirche Lüne Bachs Solosuiten Nr. 3, 4 und 6 spielt. Klingers CD-Einspielung der Solosuiten wurde mit dem französischen „Diapason d’Or“ ausgezeichnet, was in etwa dem Preis der deutschen Schallplattenkritik entspricht.

Nicht wegzudenken ist auch ein Orgelabend, den in diesem Jahr der Lübecker St.-Marien-Organist Johannes Unger gestaltet, am Mittwoch, 26. September, um 20 Uhr in St. Johannis mit sämtlichen Orgeltoccaten Bachs.

Das Finale gehört wieder dem Bachorchester. Das Programm am Donnerstag, 27. September, um 20 Uhr ist an Popularität kaum zu übertreffen. Ania Vegry wird Bachs „Jauchzet Gott in allen Landen“ singen, das vierte „Brandenburgische“ ist zu hören, dazu ein Trompetenkonzert von Giuseppe Tartini mit dem Solisten Markus Czieharz und eine Besonderheit. Sie kommt in Gestalt der Sinfonia d-Moll von Wilhelm Friedemann Bach daher, dem ältesten Sohn des Thomaskantors.

Der Vorverkauf für die Bachwoche hat an der LZ-Veranstaltungskasse, Am Sande, begonnen.

Von Hans-Martin Koch

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Die ersten Solisten

Die erste Lüneburger Bachwoche unter Leitung von Claus Hartmann fand vom 7. bis 12. Juli 1978 statt. Das Konzept des Starts wurde bis heute durchgehalten. Die Eckpunkte setzt das Bachorchester, aufstrebende Talente werden gebucht, Musiker der Region einbezogen. Die Klosterkirche Lüne und der Fürstensaal sind zentrale Spielstätten, Orchester- und mehrere Soloabende bilden das inhaltliche Zentrum, Bachs geistliche Musik wird ebenfalls gewürdigt.

Zu den Solisten der ersten Bachwoche zählten unter anderem der heute 76-jährige Ulf Hoelscher (Violine), der aus Celle stammende Martin Albrecht Rohde (Violine), der Organist Michael Schneider (1909-1994), die 1948 in Hamburg geborene, von 1980 bis 2014 als Professorin in Freiburg lehrende Gitarristin Sonja Prunnbauer, die bald international gefragte Sopranistin Uta Spreckelsen, die ebenso erfolgreiche Altistin Hildegard Laurich (1941-2009) und Bass Erich Wenk (1923-2012), der wie Hildegard Laurich an Aufnahmen unter Leitung des Bach-Spezialisten Helmuth Rilling mitwirkte. oc