Mittwoch , 26. September 2018
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Autor Hans Pleschinski (rechts) mit Moderator Dr. Tilmann Lahme. Foto: ff

Die letzten Tage des Gerhart Hauptmann

Lüneburg. Im Frühjahr 1945 tobt der Zweite Weltkrieg: Der in Nazi-Deutschland viel bewunderte Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Gerhard Hauptmann erl ebt in einem Sanatorium in Dresden den Feuersturm der Alliierten auf die Stadt. Von da an hat der alte und gebrechliche Mann nur noch ein Ziel. Er will zurück nach Niederschlesien, zurück auf seine geliebte Burg Wiesenstein.

Hauptmann schafft es, unter schwierigen Umständen kehrt er heim und lebt von dort an bis zu seinem Tod im Frühjahr 1946 auf Wiesenstein. Von seiner Umgebung verehrt wie ein Heiliger, ignoriert Hauptmann nach Kräften, was um ihn herum geschieht: die brutalen, letzten Zuckungen des Krieges, der Einmarsch der Russen, Flucht und Vertreibung, das alles prallt an ihm weitgehend ab. Der Dichter arbeitet und wartet auf den Tod, ganz so, als wäre sein geliebtes altes Schlesien niemals untergegangen.
Dies ist, kurz zusammengefasst, die Handlung, die Autor Hans Pleschinski in rund 500 Seiten verpackt in seinem neuen Roman „Wiesenstein“ dem Publikum vorstellt. Das Literaturbüro Lüneburg hat aus Anlass des 25-jährigen Jubiläums eingeladen, große Namen stehen auf der Gästeliste. Dementsprechend ist das Foyer des Museums Lüneburg an diesem Abend gut besucht, während Pleschinski liest – kein Wunder, er liest gut, und auch das Handwerk des Schreibens ist dem Autor vertraut.

Die Tage zwischen Krieg und Frieden

Zahlreiche Auszeichnungen hat er für seine Bücher erhalten, mit dem Vorgänger „Königsallee“ hat er dem Schriftsteller Thomas Mann ein Denkmal gesetzt. Es macht Spaß, ihm zuzuhören, zumal er sehr detailliert und kenntnisreich über Gerhard Hauptmann erzählt. Mit akribischer Recherche hat Pleschinski die letzten Monate des Nobelpreisträgers nachgezeichnet – und auch die Menschen in der unmittelbaren Umgebung des Dichters erhalten einen Anteil an der Erzählung. Der Masseur und Wehrmachtsdeserteur, der den Dichter betreut, die Inhaberin eines kleinen Cafés in der Nähe, in dem es, der Lebensmittelknappheit wegen, nicht mehr lohnt, einzukehren: Sie alle bekommen die Gelegenheit, ihre Sicht auf die Tage zwischen Krieg und Frieden darzustellen.

Ob man diese Art des Romans, der mehr oder minder eine Chronik des Untergangs geworden ist, als Leser genießen kann oder nicht, die Frage lässt sich bestimmt nicht einheitlich beantworten. Diejenigen, die gerne in ausführlichen Geschichtsdarstellungen schwelgen und vielleicht obendrein noch ein Faible für den damals sehr verehrten Schriftsteller Gerhart Hauptmann haben, werden ganz sicher von „Wiesenstein“ begeistert sein.

Neue Version von „Vom Winde verweht“

Wer jedoch auf Handlung und Abenteuer hofft, dürfte enttäuscht sein: In dem Roman geht es um eine Charakterstudie, um das Lebensgefühl des Autors Hauptmann, der sich Zeit seines Lebens in eine unmittelbare Konkurrenz zu seinem Zeitgenossen Thomas Mann gesetzt fühlte. „Es ist ein ‚Vom Winde verweht‘ auf schlesisch geworden“, sagt Hans Pleschinski selbst über sein Buch. Das mag in mancher Hinsicht stimmen, doch wer hier auf den Auftritt einer Person vom Format einer Scarlett O´Hara wartet, der wartet vergebens.

von Elka Schneefuß