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Astrid Münder präsentiert das Ensemble „Misch-Masch“ rund um Projektleiter Christof Pies (Dritter von links). Foto: ff

Aleppo und der Hunsrück

Reinstorf. Der Hunsrück ist ein Mittelgebirge, liegt zum großen Teil in Rheinland-Pfalz, sein höchster Berg ist der Erbeskopf mit 816 Metern. Im Kulturzen–trum One World Reinstorf war nun das Ensemble Misch-Masch angekündigt, eine Truppe mit Musikern aus Syrien, dem Iran, aus Deutschland, eine Text-Bild-Musik-Revue sollte es werden, über Herkunft, Ankommen und Ausblick. Der Abend trägt den Titel „Hunsrücker Flüchtlings-Geschichte“. Was, bitteschön, hat das rheinische Schiefergebirge mit dem aktuellen Flüchtlingsdrama zu tun?

Eine ganze Menge – wenn auch indirekt. Flucht und Vertreibung sind so alt wie die Menschheit selbst. Der Hunsrück kann als Region exemplarisch dafür stehen. „Das ist eine Ein- und Auswandererregion, die es sonst so wohl nicht gibt“, sagt Christof Pies. Viele alteingesessene Familien emigrierten, von den Machthabern dabei durchaus ermuntert, im 19. Jahrhundert bis nach Brasilien.

Eine Region von wechselhafter Geschichte

Umgekehrt setzte nach dem Zweiten Weltkrieg eine Flüchtlingswelle aus dem Osten ein, Menschen aus Usbekistan und Kasachstan zogen in den Hunsrück, „manche Dörfer bestanden zu siebzig Prozent aus Spätaussiedlern“, so Pies, „das ging mal gut und mal nicht.“ Eine Region von wechselhafter Geschichte also, der Regisseur Edgar Reitz drehte auf dem Hunsrück Anfang der 1980er-Jahre den ersten Teil seiner Filmtrilogie Heimat. Im Jahre 2012 wählte Reitz für den Kinofilm „Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht“ über die Auswandererwelle nach Brasilien das Dorf Gehlweiler aus.

Nun also neue Flüchtlings-Geschichte. Der Lehrer Christof Pies ist seit langem im Hunsrück in der Flüchtlingshilfe aktiv, gründete das Projekt vor zweieinhalb Jahren. Musik, Theater, Kabarett, Satire, Video, Lyrik und Prosa, dies alles sind Mittel zur Bewältigung von Orientierungsverlust und Heimatlosigkeit.

„Ich bin fünfzehn, ein Kind, ich bin tot.“

Aktuell besteht nun Misch-Masch aus sieben Leuten zwischen 18 und 36 Jahren, die mal hier, mal dort ihr bunt gemischtes und weite Distanzen umspannendes Programm präsentieren – beginnend mit Zitaten des alten Liedes „Der Hunsrück ist mein Heimatland“. Nach Reinstorf brachte Christof Pies als Anschauungsmaterial auch eine professionell gemachte, reich illustrierte Broschüre mit: Features und Berichten über Erinnerungen und Biographien der Menschen aus der Region.

„Ich bin fünfzehn, ein Kind, ich bin tot“ – das sagt Aghiad Altwish, eine ganz andere Tonart. Der Teenager berichtet in seiner Erzählung, von seiner Flucht (er ist allein unterwegs) aus Aleppo, von Rekrutierungen durch den IS, von der Sehnsucht, Saz (ein Zupfinstrument) zu lernen, von Folter, von der Sehnsucht nach Schweden, dann nach Deutschland, dort soll es nicht so kalt sein. Und von der Begegnung mit dem ersten freundlichen Menschen nach Monaten, einem deutschen Polizisten.

Es sind Geschichten von Grausamkeit, Traumatisierung und manchmal erschreckender Naivität und Skrupellosigkeit. In Reinstorf wirkt es wie Satire, wenn vom Geschäft der Schlepper erzählt wird. Solche Verbrecher, sollte man meinen, wickeln ihre Geschäfte im Verborgenen ab. Tatsächlich seien sie, in Teheran beispielsweise, „wie in einem Reisebüro“ zu buchen, die Ausstattung der Reise ist eine Frage des Geldes – das Risko, zu sterben, inklusive.

Von Frank Füllgrabe