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Vorsicht, hier wird scharf gezaubert! Vorn Sina Marie Brendel als Luna, Hans Oliver Kaltschmidt als Dumbledore, hinten Christopher Franz als Lockhart und Alina Langkau als Trelawney. Foto: t&w

Besuch im Internat der Zauberer

Lüneburg. Jede Generation sammelt einen gewissen Fundus an Wissen, das entbehrlich und zugleich bei gesellschaften Anlässen unverzichtbar ist. Früher gehörte es auf Partys zum guten Ton, finnisch bis fünf zählen zu können: yksi, kaksi, kolme, neljä, viisi. Später waren die vier fiktiven Gäste des „Dinner for One“ Teil der gutbürgerlichen Allgemeinbildung. Sie wurden inzwischen von Harry Potter abgelöst. Die vier Häuser von Hogwarts, die können viele. Aber wer weiß die Namen ihrer Gründer? Solche Lücken ließen sich bei dem Event „Harry Potter 21“ im Heinrich-Heine-Haus beseitigen.

„Was ist hier denn los?“, wollten Passanten angesichts der Warteschlange am Ochsenmarkt wissen. Studierende des Institute of English Studies der Leuphana hatten unter der Leitung von Prof. Dr. Emer O‘Sullivan einen Harry-Potter-Abend auf allen drei Etagen konzipiert, eine Spaß-Nummer mit Wahrsagerei, Kostümwettbewerb, Zaubertrank-Kurs und dem Ausschank von Butterbier (das zumindest in Lüneburg längst nicht so ekelhaft schmeckt, wie es das Original vermuten lässt).

Text-Ausstellung lieferte Stichworte

Dahinter steckte aber eben auch ein Literaturseminar, es gab Untersuchungen des Rowling-Kosmos mit Blick auf Feminismus beziehungsweise auf sein Ausbleiben, auf Rollenklischees, religiöse und literaturhistorische Aspekte. Immerhin gehörte der ganze Zauber offiziell zur Reihe „grenzenlos“ des Lüneburger Literaturbüros. Eine kleine Text-Ausstellung lieferte Stichworte, von gesellschaftspolitischen Aspekten bis zum Zauberspruch-Glossar: „Stupor!“ – Schockzauber; Patronus? Einzig bekannte Abwehr gegen den Dementor. Aber das wissen HP-Fans ja.

Gefeiert wurde Harry Potters 21. Geburtstag, 1997 erschien Der Stein der Weisen“ – und es kamen so viele Gäste, dass zeitweise der Einlass gestoppt werden musste. Die Besucher, Studierende vor allem, machten durchaus den Eindruck, die vier Hogwarts-Gründer zu kennen, also: Godric Gryffindor, Herga Hufflepuff, Rowena Ravenclaw und Salazar Slytherin. Einfacher waren da Fragen, die bei einem Quiz gestellt wurden: „Wer hat im letzten Teil geheiratet?“

„Wir haben nicht mit so vielen Besuchern gerechnet“

Hundertfaches Geknarze des Holzfußbodens erfüllte das Heinrich-Heine-Harry-Potter-Haus, zeitweise gingen die liebevoll dekorierten Stationen und ihre Betreiber in dem Ansturm ein wenig unter – „wir haben nicht mit so vielen Besuchern gerechnet“, sagt eine Hogwarts-Professorin, die in einer Kammer Zaubertränke lehrt. Allerdings hatte eine „Alice-in-Wonder–land“-Aktion der Leuphana im Heine-Haus vor Jahren ähnliche Resonanz gefunden.

Anderswo gibt es eine kleine Lesung eines weniger bekannten Rowling-Textes: „Das Märchen von Beedle dem Barden“. Kostümierte Besucher kamen insgesamt wenige, der Elf Dobbie immerhin war – mit spitzer Nase und Schweineohren – als echtes Prachtexemplar vertreten. Und auch die Schriftstellerin Susanne Stephan (Jahrgang 1963), aktuelle Heine-Stipendiatin, outete sich im dezenten Rita-Kimmkorn-Look, gemeint ist die Redakteurin des „Tagespropheten“, als Hogwarts-Insider.

Übrigens: Hermine Granger hat überraschend nicht etwa Harry geheiratet, sondern Ron Weasley, zum Ärger unzähliger Leser – selbst Joanne K. Rowling fand das eigentlich nicht gut.

Von Frank Füllgrabe