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Die Autorin und Journalistin Ulla Lachauer erzählt von Imker-Biographien aus acht Ländern. Foto: ff

Bienen und ihre Menschen

Lüneburg. Am Anfang war ein klebriges Paket, das der Postbote mit schmierigen Fingern und vorwurfsvollem Blick überreichte. Ulla Lachauer wühlte sich durch die Verpackung, und staunte. Wellpappe, Holzwolle, eine zerknüllte Ausgabe der „Kaliningradskaja Prawda“, schließlich: ein weißer Plastikeimer, aus einem Riss quoll zähflüssiger, dunkelgelber Honig. Dazu ein Brief, ein Gruß von Galina. Sofort hatte Ulla Lachauer ein Bild vor Augen: „Galina, die schöne Imkerin von Jasnaja“. Im Mai 1991 waren sie sich begegnet, in der Endzeit der Sowjetunion.

Damals streifte die Journalistin, Dokumentarfilmerin und Autorin durch das Kaliningrader Gebiet. Ulla Lachauer war beeindruckt von der Imkerin, die in einer Zeit der Auflösung und des Umbruchs zwei halbwüchsige Kinder durchbrachte; den Ehemann, ein Wodka-Wrack, hatte sie vor die Tür gesetzt. Der Honig-Eimer war kein Geschenk, sondern eine Anzahlung für einen Dienst: „Bitte Ulla, besorge mir einen Mann in Deutschland“, stand in dem Brief, kurz, knapp und präzise. Aus der Heiratsvermittlung wurde nichts, aber die Autorin war auf ein Thema gestoßen – eben auf die Imkerei, auf Menschen, die sich Bienenvölkern widmen und von ihnen leben.

Geschichte nahbar und Menschen sichtbar gemacht

Nun ist das Buch bei Rowohlt erschienen: „Von Bienen und Menschen“ (384 Seiten, 22 Euro, ab 24. Juli). Vierzehn Biographien in acht Ländern sammelte die Journalistin, die für ihre Osteuropa-Reisen viele Preise gewann und zuletzt das Bundesverdienstkreuz erhielt. Sie habe, so die offizielle Würdigung, „durch ihre Bücher und ihre Filme Geschichte nahbar und die Menschen in ihr sichtbar gemacht. Im Fokus stehen dabei oftmals der Verlust von Heimat und die Schicksale von Menschen, die sich ohne Halt und entwurzelt fühlen.“

Ulla Lachauer erhielt das Verdienstkreuz auf Vorschlag des Baden-Württembergischen Ministerpräsidenten, an die Brust geheftet wurde es ihr im Traubensaal des Lüneburger Rathauses. Denn inzwischen war sie mit ihrem Mann Winfried nach Lüneburg umgezogen. Und so spielt auch Asaad Alazo Alabed eine Rolle in dem Buch, der Flüchtling aus Syrien, der daheim ein erfolgreicher Imker war, und nun ein Praktikum im Kloster Lüne antrat, zuständig für den Kräutergarten.

Sind Imker glücklicher als ihre Zeitgenossen?

„Bienen sind in aller Munde“, heißt es, etwas unglücklich (aber vielleicht auch absichtlich so) formuliert im Covertext. Wohl wahr, gilt doch die Biene mit ihrem sprichwörtlichen Fleiß als Sympathieträger. Zugleich ist sie bedroht, was Auswirkungen auf die ganze Pflanzenwelt hat. Aber Ulla Lachauer interessierte sich natürlich auch für die Menschen, die sich mal mit, mal ohne Schutzkleidung und Pfeifchen ihren Schützlingen nähern. Sind Imker glücklicher als ihre Zeitgenossen? Und was für Geschichten stecken hinter ihrem Lebensentwurf?

Sie begann daheim in Stuttgart, bei einem ehemaligen Kfz-Mechaniker, der nun als Stadt-Imker tatsächlich glücklich ist – auch wenn er manchmal gestochen wird. Ulla Lachauer empfand ihre erste Begegnung mit einem wuseligen Bienenvolk als durchaus bedrohlich, sie blieb in der Distanz, Empathie muss man sich auch erarbeiten, und für dieses Talent wird die Autorin schließlich weithin gerühmt.

Kloster Lüne belebt alte Tradition neu

Die Recherchen führten auf die Ostseeinsel Gotland, in den Schwarzwald, in die französischen Pyrenäen und an die slowenische Adriaküste, zu Galina in die russische Enklave Kaliningrad und in das Amt Neuhaus – in der DDR waren Imker übrigens privelegiert. Sie sprach mit einem Lokführer, der sich mit Honig-Gewinnung etwas dazuverdiente, (Lokführer und Imker, das war eine recht häufige Kombination), und an jemanden, der sich an Imkerei im KZ Auschwitz erinnert. Und sie stieß auf Hans Peschetz. Der Österreicher (1901–1968) war so etwas wie der Guru der Branche, die „Peschetzbiene“ trägt seinen Namen. Beruf? Lokomotivführer.

Und so kommt Ulla Lachauer durch die vielen Begegnungen schließlich zu dem Ergebnis, dass Imker wohl tatsächlich mitten in dem Gesummse einen inneren Frieden finden. Es gibt auch ein kleine Happy End: Asaad hat einen Ein-Euro-Job im Kloster Lüne bekommen, wiederum ist er (unter anderem) für den Kräutergarten zuständig – und für zwei Bienenvölker. Der Konvent hatte beschlossen, die alte Tradition der Bienenhaltung im Kloster wiederzubeleben.

Von Frank Füllgrabe

Journalistin und Autorin

Im Wandel Osteuropas

Ulla Lachauer, 1951 in Ahlen/Westfalen geboren, studierte Geschichte, Philosophie und Politikwissenschaft, promovierte über gesellschaftspolitische Aspekte von Flucht und Vertreibung. Neben Fachbeiträgen für Magazine und TV schreibt sie seit Anfang der 1990er-Jahre Bücher, in denen sie vor allem den Wandel Osteuropas beschreibt. lz

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