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Vier mit Können und Charisma: Quadro Nuevo erkundet Musikulturen der Welt und übersetzt sie in eine eigene Klangsprache. Foto: t&w

Risiken und Nebenwirkungen

Lüneburg. Wer Musik beschreiben will, die sich gängigen Stilistiken entzieht, öffnet gern Schubladen. Auf ihnen steht Crossover, Weltmusik, Indie-Rock, irgendwa s passt immer. Quadro Nuevo, zu Gast im ausverkauften Kulturforum, fällt in die Weltmusik-Lade, genauer mögen es die Musiker auch nicht sagen. Sie ziehen halt umher und sammeln Melodien auf. So etwa, nur poetischer, drückt es Mulo Francel aus, der Mann für Klarinetten und Saxophone.

In Italien und Frankreich, Argentinien und Georgien liegen die aufgepickten Melodien rum und zuletzt auch in Ägypten. Das mehrfach preisgekrönte Ensemble Quadro Nuevo greift Klangidiome anderer Kulturen auf und übersetzt sie in die eigene Klangsprache, zu der auch Jazz gehört. All das geschieht mit Klasse und Humor und entließ im Kulturforum 500 glückliche Besucher nach rund zwei Stunden Musik.

Können und Charisma, Melancholie und Humor

Mulo Francel, Evelyn Huber (Harfe), Andreas Hinterseher (Akkordeon, Vibrandoneon) und D.D. Lowka (Kontrabass, Percussion) nehmen einige Strapazen auf sich. Sie leben im Voralpenland, reisen mit Instrumenten, Gepäck und Technik in einem Kleinbus durchs Land, in diesem Fall waren sie knappe zehn Stunden unterwegs. Am Morgen darauf ging es nach Amrum, gestern mit der Fähre um 5.30 Uhr zurück und wieder runter durchs ganze Land. Auf dem Tacho summieren sich im Laufe eines Jahres mehr als 100 000 Kilometer.

Es ist ihnen nicht anzumerken. Auf der Bühne stehen vier mit Können und Charisma reich ausgestattete Musiker, die in dieser Besetzung seit zehn Jahren auf Tour sind. Entsprechend eingegroovt sind sie, traumhaft sicher lassen sie Klangfarben ineinandergleiten, Töne durch den Raum schweben. Sie setzen mit Gefühl wirkungssichere Pausen und finden wieder zu „magnetischen Melodien“ zusammen, so nennen sie das – und es stimmt ja. Raum zum Improvisieren – es ist ja auch Jazz! – nutzen sie alle, und allein wie Harfe und Percussion sich befeuern, das ist den Abend wert. Oder wie sich auf dem Akkordeon und dem Saxophon Melancholie in musikalische Schönheit verwandelt!

„Flying Carpet“ heißt das Album, das Quadro Nuevo in Ägypten mit einheimischen Musikern aufnahm. Beim Aufarbeiten der Kairo-Tour kommen schon mal Sufi-Gesang und Eric Satie („Gnossienne“ Nr. 1) zusammen.

Amrum und das Goldene Vlies

Das Ägyptisierte steht im Vordergrund des Abends, aber gegen Ende wird Italien erreicht, mit „Canzone della Strada“ und einer Lucio-Dalla-Adaption „Caruso“. Zu den in Konzerten oft angesteuerten Zielen gehört das Schwarze Meer. „Die Reise nach Batumi“ bekommt mit umherstreifenden Soli überraschende Ausblicke. Dazu passt die Moderation, in der Mulo Francel über das Goldene Vlies spintisierte, das doch tatsächlich auf äußerst verschlungenen Wegen in einem Inselmuseum auf Amrum anlandete. Von dort wollten sie es nun entführen, darum dort das Konzert.

Das Tourleben im (Ford-)Transit-Raum funktioniert nur, weil die vier Musiker sich Zeit für eigene Projekte nehmen. Zum Beispiel Evelyn Huber: Sie wird am 12. September in Hamburg mit dem New Yorker Sirius String Quartet im Hamburger Resonanzraum auftreten. Das Quartett spielt Musik von Purcell bis Pink Floyd, Dvorak bis Beatles und Radio Head. Das fällt dann in die Crossover-Schublade, oder?

Quadro Nuevos Musik ist für Hörer mit Risiken und Nebenwirkungen behaftet: Sie kann süchtig machen. Im Kulturforum gibt es die nächste Dosis Weltmusik oder was auch immer am 7. Juli 2019. Wer den Entzug so lange nicht strecken kann, wird am 24. Februar in Winsens Marstall versorgt.

von Hans-Martin Koch