Donnerstag , 20. September 2018
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Opa (Hans-Peter Lamprecht) hat den Fernseher freigegeben. Anna (von links), Rieke, Lina, Elsa und Marie (vorn) versammeln sich in der guten Stube, Björn Hollaender filmt. (Foto: ff)
Opa (Hans-Peter Lamprecht) hat den Fernseher freigegeben. Anna (von links), Rieke, Lina, Elsa und Marie (vorn) versammeln sich in der guten Stube, Björn Hollaender filmt. (Foto: ff)

Cool hieß noch knorke

Lüneburg. Opa ist knarzig. „Du schreibst ja mit links?!“, knurrt er seine Enkelin an, „macht man das heute so?“ Auch ihre Schwester bekommt einen Rüffel: „Du gießt gerade die Plastikblumen!“ Muffelige Stimmung in der guten Stube, bis der Alte endlich Genehmigung erteilt, die Flimmerkiste anzuschalten. Denn zu einem Fernseher hat es die Familie bereits gebracht, schwarzweiß natürlich, und es gibt nur ein Programm, aber immerhin, die eigene Glotze ist noch längst nicht selbstverständlich, und gesendet wird auch nur ein paar Stunden pro Tag.

Szenen aus dem Leben einer Familie der Fünfziger Jahre spielen drei Erwachsene und acht Kinder zurzeit im Lüneburger Salzmuseum vor laufender Kamera. Der Set muss nicht erst aufgebaut werden, denn seit 2007 ist im Eselstall gleich neben dem Museum eine Wohnung im schönsten Muff jener Zeit eingerichtet, mit Nierentisch, Tütenlampe und Nachttopf. „Die Fünfziger-Jahre-Ausstellung war eigentlich nur für ein Jahr geplant“, sagt Museumsleiterin Hilke Lamschus, „aber jetzt haben wir hier jedes Jahr bis zu dreiundzwanzigtausend Besucher.“

Milchsuppe und eingemachte Kirschen

Nun ist die Alarmanlage ausgestellt, alle möglichen Leute klettern munter über die gläsernen Absperrungen zu den Zimmern. Als Teil des Sommerferien-Programms des Salzmuseums haben Mareike und Björn Hollaender vom Studio „HollaenderART“ fünf Tage lang mit den Kids gearbeitet, die nun wieder Kinder heißen, nicht „geil“ oder „cool“ sagen, sondern „knorke“, und natürlich die Kleidchen und Cordhosen jener Zeit tragen. Es gibt Milchsuppe und eingemachte Kirschen. Gerade soll für die Küchen-Szene die Klappe fallen (so etwas gibt es auch heute noch!), aber ein Junge am Mittagstisch trägt Polohemd, das geht gar nicht, Hilke Lamschus hat aufgepasst. Also: Pullover überziehen.

Film im Film

Alles muss eben stimmig sein, dazu gehört auch, dass die Eltern streng sind und Muttern an den Herd gehört. Wie bei einem großen Filmprojekt ist die eigentliche Dreh-Zeit vergleichsweise kurz. „Die Kinder waren an allen Vorbereitungen beteiligt“, sagt Mareike Hollaender, „sie haben die Geschichte und auch das Drehbuch selbst geschrieben.“ Die Wohnzimmer-Szene, mit verschiedenen Kamera-Perspektiven immerhin acht Mal gedreht, dient als Rahmenhandlung, die anderen Szenen sind dann schwarzweiß in der Glotze zu sehen, gewissermaßen als „Film im Film“, das alte Gehäuse birgt einen modernen CD-Player. Erwachsene höheren Semesters treten als Zeitzeugen auf, es gibt einen kurzen Erklär-Film und ein Musikvideo, insgesamt acht Minuten werden es am Ende sein, und irgendwann nach den Sommerferien ist das Ergebnis dann in einer Dauerschleife als Teil der Fünfziger-Jahre-Ausstellung zu sehen.

Zur Einrichtung gehört auch eine Zahnarztpraxis. Die Bohrer in den Fünfzigern? Purer Horror. Aber die entsprechende Szene geht glimpflich aus – kein Karies ist schuld am Zahnschmerz, nur eine verkeilte Fischgräte.

Von Frank Füllgrabe