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Dirigent Philipp Ahrmann brachte mit dem Chor Transparenz und emotionale Dichte in Einklang. (Foto: t&w)
Dirigent Philipp Ahrmann brachte mit dem Chor Transparenz und emotionale Dichte in Einklang. (Foto: t&w)

Pure Schönheit der Stimmen

Lüneburg. Um 21 Uhr begann wohl eines der reizvollsten Konzerte, die das Schleswig-Holstein Musik Festival in diesem Jahr zu bieten hat: die Chornacht in St. Michaelis mit dem Hamburger NDR-Chor, eine „Hommage an Schumann“ unter dem Motto „…was dem Herzen kaum bewusst“, zitiert aus einem Gedicht von Joseph von Eichendorff.

Der sieben Jahrhunderte alte gotische Backsteinbau, einst Klosterkirche mit Singschule, in der J. S. Bach von 1700 bis 1702 Schüler war, ist geschichtsträchtig und akustisch ideal für die perfekt disponierten, schmiegsamen Stimmen des professionellen Chors. In der Hallenkirche weckten die Klangraffinessen der romantischen Chorsätze und A-cappella-Interpretationen hautnah Bilder und Assoziationen. Mit der Raumakustik korrespondierten sehr einfühlsam auch die atmosphärischen Zwischenspiele von Katharina Martini (Querflöte) und Christoph Eß (Horn).

Fesselnde Höhenflüge

Philipp Ahmann ließ die Kompositionen äußerst vielschichtig erblühen. Der Chefdirigent des NDR-Chors animierte die Choristinnen zu emotional fesselnden Höhenflügen. Feinste Melodiebögen, Akzentsetzungen und dynamische Vitalität oder auch ein kunstvolles Verschmelzen verschiedener Tonlagen führten zu sinngebenden Klangeffekten. Ahmann und dem Chor gelangen nuancierte Interpretationen, die den Kern der dichterischen Aussage ausleuchteten.

Ausbalancierter Dramatik belebte Robert Schumanns doppelchörige Gesänge op. 141 nach Gedichten von Rückert (An die Sterne), von Zedlitz, (Ungewisses Licht, Zuversicht) und Goethe (Talismane). Das persönliche Fragen und Gefühlsleben des Dichters, das die Texte dieser polyphonen Chorballaden durchzieht, gewann durch den Puls der Melodien und charaktervoll einbezogene Lautmalerei berückende Plastizität. Das gilt auch für Clara Schumanns sehr hörenswertes Geburtstagsgeschenk für Robert im Jahre 1848, ihre drei gemischten Chöre nach Gedichten E. Geibels (Abendfeier in Venedig, Vorwärts, Gondoliera). Harmonisch aufgefrischt durch ungewöhnliche Konstellationen, verinnerlicht und farbenreich, sangen die Männer des NDR-Chors den Liederzyklus “…wie in Welschland lau und blau“ von Wilhelm Killmayer, der 2017 mit 90 Jahren starb.

Schöne Echo- und Dialogwirkungen

Die acht fein harmonisierten Chorlieder nach Eichendorff-Gedichten deutete der Männerchor mit genussvollem Klangvolumen und eleganter Stimmführung im Sinne des Komponisten aus, dem nach eigener Aussage Kostbarkeit und Klangästhetik des Tons wichtig waren. Eingeflochtene Soli, gesungen von Keunhyung Lee und Fabian Kuhnen, feierten die pure Schönheit der Stimmen. Faszinierend, wie sich im Kirchenraum die sanft anklingenden, flirrend schwebenden oder aufstrahlenden, oft bewusst verhallenden Töne der Männerstimmen verwoben, ebenso dann wieder die Stimmen des gemischten Chors, der mit nicht nachlassender Gestaltungsintensität weitere Schumann’sche Gedichtvertonungen vortrug (darunter: König von Thule, Heidenröslein, Im Walde).

Schöne Echo- und Dialogwirkungen ergaben sich durch den Einsatz einzelner Chorsänger und eines Solo-Quartetts während der Chorsätze. Mit viel Gefühl statteten die beiden Instrumentalsolisten ihre virtuosen Intermezzi aus: Katharina Martini erntete Ovationen für ihre Darbietungen von Iberts „Pièce“ für Flöte und Debussys „Syrinx“, ebenso Christoph Eß für sein effektreiches Horn-Solo „Hochwillkommen das Horn“ von Siegfried Matthus. Schumanns Chorvertonung des Uhland-Gedichtes „Das Schifflein“ begleiteten beide Solisten und ließen so die im Text erwähnten Horn- und Flötenklänge Wirklichkeit werden. Langer Beifall am Ende, Bravos und Fußgetrappel, und als wundervolle Zugabe die unvergesslich lyrisch beseelt gesungene A-cappella-Chorversion Gottwalds von Schumanns Vertonung des Eichendorff-Gedichtes „Mondnacht“.

Von Antje Amoneit