Mittwoch , 26. September 2018
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Familie Koschwitzki will reisen, aber weiß nicht wohin? Berater Fröhlich im qietschbunten Anzug grübelt noch. (Foto: mmm)
Familie Koschwitzki will reisen, aber weiß nicht wohin? Berater Fröhlich im qietschbunten Anzug grübelt noch. (Foto: mmm)

Reisen macht lustig

Hamburg. Wer „Tschüssikowski“ sagt, der quält sein Gegenüber auch mit „Zum Bleistift“, „Euer Merkwürden“ und „Schankedön“. Sprachseuche? Schnodderdeutsch? Damals, Anfang der 70er, waren Worte wie diese Brüllwitze – in der TV-Serie „Die Zwei“ und in Filmen des Prügelduos Spencer/Hill. Tief aus der alten Luschtigkeit stammt Reiseberater Willy Fröhlich vom Reisebüro Schmidt. Er hat seinen quietschfarbenen Anzug an und lebt seinen Slogan: „Schmidt machen, Schmidt lachen, Schmidt reisen“ – im Schmidt Theater am Kiez. Das mit dem Lachen funktioniert prächtig bei der „Tschüssikowski!“-Urlaubsrevue. Sie ist so unfassbar albern wie über weite Strecken mitreißend, sie ist rasant, musikalisch und tänzerisch richtig gut.

Götz Fuhrmanns Reiseberater ist eine Art Moderator für eine Show, die nichts will als breitenwirksam unterhalten. Am Beginn deutet sich noch eine Handlung an, als Familie Koschwitzki das Erbe von Oma nutzt, um endlich mal rauszukommen. Aber wohin? Vater Koschwitzki, das ist der wie immer wunderbare Nick Breidenbach, zitiert Eugen Roth: „Die besten Reisen, das steht fest, sind die oft, die man unterlässt“. Nix da! Mutter halluziniert gut gebaute Männerkörper unter Palmen, die Tochter will Party und der Sohn will Eis. Herr Fröhlich hat für jeden den passenden Trip und vor allem Musik, Musik, Musik.

Es rattert Hits am laufenden Band

Die angedeutete Handlung ist Vorwand für alle denkbaren Hits, die sich ums Reisen drehen, und da ist der Abend einfach umwerfend. „Waka Waka“, „Surfin‘ USA“, „Bailando“ und natürlich „Reif für die Insel“: Es rattert am laufenden Band – gern ironisch umgetextete – Songs. Das große Team, darunter als Novum im Schmidt Theater Tänzer, singt umwerfend gut, wechselt rasant die Kostüme und macht sich lustig über alle Klischees, die sich zwischen Ballermann und Hotel-Mäklern so finden.

Der Trick beim eher flachen Witz ist, dass alle reichlich vorhandenen Albernheiten sofort von den nächsten gedeckelt werden müssen und die wiederum von den folgenden. Es klappt, es gibt kein Entkommen, und weg will ja auch keiner – zumal das Klima im Saal zumindest die erste Halbzeit über deutlich angenehmer ist als die Hitze draußen.

Gehen die Ideen aber aus, was im zweiten Teil ein wenig der Fall ist, kommt verschärft die Zote ins Spiel. Die Haus-Autoren Martin Lingnau und Heiko Wohlgemuth kennen sich da so gut aus wie Regisseur und Hausherr Corny Littmann. Vielleicht gehören die – sorry! – verpimmelten Szenen ja im kiezigen Schmidt-Imperium dazu, sie garantieren jedenfalls viele „Huch“- und „Hach“-Juchzer im Saal. Es muss außerdem mal geschunkelt, gesungen, mitgeklatscht und mitgemacht werden. Das ist dann alles Party- oder Geschmackssache. Auch Spitzen gegen das GeTrumpel und gegen Pegida werden eingestreut, das ist politisch korrekt, aber am falschen Ort. Egal.

Die Akteure haben so viel Spaß wie das Publikum

Denn es geht ja nur um einen Kessel Buntes an diesem Abend. Markus Voigt, der auch für die heute startende Jahrmarkttheater-Produktion in Wettenbostel Songs schrieb, hat die Musik einstudiert und dem Team Arrangements auf Leib und Kehle geschrieben. Sie sitzen so gut, dass zu spüren ist, wie viel Spaß die Bühnenreisenden an der Show haben.

Die Show kommt zum richtigen und zugleich zum falschen Zeitpunkt. Richtig, weil ja Urlaubszeit ist. Aber als Intro singt Kathrin Finja Meier „Hamburg im Regen“; tja, Gärten, Flüsse, Tiere und sogar Menschen sehnen ihn herbei, den Regen, aber die Sonne sengt weiter. Die „Tschüssikowski“-Show wird die Hitze locker überstehen und die nächste Regenperiode ebenso.

Das Publikum ist begeistert und wer beim Rausgehen „Tschö mit Ö“ sagt, der gehört garantiert zur „Tschüssikowski“-Zielgruppe.

Von Hans-Martin Koch