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Eine Variation von Svenja Maaß über Jan Vermeer: Grundlage ist sein Bild „Briefleserin am offenen Fenster“, nun wird es von zwei Erdmännchen bevölkert. (Foto: ff)
Eine Variation von Svenja Maaß über Jan Vermeer: Grundlage ist sein Bild „Briefleserin am offenen Fenster“, nun wird es von zwei Erdmännchen bevölkert. (Foto: ff)

Idylle ist Menschenwerk

Tosterglope. Romantik ist ein großes Wort, es wird auf der ganzen Welt verstanden. Romantik ist aber auch ein sehr deutsches Wort, es steht für Wald und den Kreidefelsen auf Rügen, für einen einsamen Mönch am Meer und für Biedermeier. Zwischen Caspar David Friedrich und einem modernen Verständnis von Romantik bewegen sich mehr als siebzig Arbeiten, die nun im Kunstraum Tosterglope gezeigt werden – ein Wettbewerb mit zweiundvierzig Teilnehmern; Titel: „Romantik heute – Schönheit, Harmonie, Idylle und anderes Menschenwerk“.

Was ist von den Romantikern des frühen 19. Jahrhunderts, von ihrer (manchmal etwas übersteigerten) Empathie, übrig geblieben? Was bedeutet der Begriff heute? Wo liegt die Grenze zum Kitsch? Und etwas konkreter: Lässt sich der Begriff auf die Lebenssituation im ländlichen Raum anwenden, oder geht es doch eher um diffuse Sehnsüchte nervöser Stadtmenschen?

Vieles davon klingt in der Ausstellung an, die den Teilnehmern alle Freiheiten ließ. Das betrifft die Technik (von der Zeichnung über die Skulptur bis zum Kurzfilm), aber auch das Teilnehmerprofil. Schüler/innen malten idyllische Naturszenarien – als animierte Computerwelt, im Instagram-Format, als Abendstimmung mit untergehender Sonne oder auch als stilles, schwarzes, leeres Weltall.

Landschaft mit Bunker

Altgediente Profis aus den Großstädten ließen sich bewegen, noch einmal über die Klassiker nachzudenken, so entstand etwa die „Landschaft mit Bunker“: ein düsterer Ölschinken (im Kleinformat!), in dem der Betrachter fast automatisch nach einem Reiter oder einem Wanderer sucht, tatsächlich aber nur ein modernes, quadratisches Höllentor findet.

Ikonographisches von C.D. Friedrich – „Das Eismeer“ und der „Wanderer über dem Nebelmeer“ – wird, umgewandelt zu Lego-Szenarien, auf seine Belastbarkeit getestet. Anderswo ist eine Kämmerchen zu sehen, das von Jan Vermeer („Briefleserin am offenen Fenster“) bekannt ist, nun aber von zwei Erdmännchen bewohnt wird. Ein Blickfänger ist eine Akt-Fotografie, die eine moderne junge Frau in einem gemütlichen Zimmerchen zeigt, vielleicht in einem Bauwagen. Und man kann die Bilderwelten der Romantik auch überprüfen, indem man ein entsprechendes Gemälde einfach falsch herum aufhängt.

Schönheit und Überschönheit

Im Mittelpunkt steht die Gegenwart, mal unverhohlen romantisch, mal ironisch gebrochen. Eine Installation mit zwei pinkfarbenen Stellwänden führt schmerzhaft zum Kitsch, zu rosa Kissen, Herzchen, Marmeladengläschen, auch das „Arschgeweih“ gehört dazu. Blümchen und Schmetterlinge aus Plastik – Romantik hat viel mit Schönheit zu tun, manchmal aber eben auch mit Überschönheit. Subtiler kommt ein Poesie-Baukasten daher, in den Fächern finden sich schmucke Kärtchen mit Kalendersprüchen. Schlicht und einfach bezaubernd ist ein Schnappschuss von der süßen Enkelin, die neben einem Kätzchen auf der Terrasse sitzt.

Was ein bisschen zu kurz kommt in der Präsentation, die sich quer durch Räume, Flure und ein Außenatelier zieht, ist der ländliche Raum als – intakte oder löcherige – Projektionsfläche für Sehnsüchte. Aber eine Ausstellung als Wettbewerb muss nicht zwangsläufig alls Bereiche abdecken. Sie wird am Sonnabend um 18 Uhr eröffnet, bereits um 15 Uhr beginnt ein Sommerfest. Öffnungszeiten: sbd/so. 14 bis 18 Uhr (und nach Vereinbarung), bis 26. August.

Von Frank Füllgrabe