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Zweieinhalb Stunden für die Einsamkeit spielen und besingen (v.l.) Thomas Matschoß, Dörte Breidenbach, Axel Pätz, Kristin Norvilas und Konstantin Buchholz. Foto: Brüggemann

Allein sieht die Welt anders aus

Wettenbostel. Es ist wie immer ganz anders. Das Jahrmarkttheater packt ein großes Thema an, es lädt zum „Jahrmarkt der Einsamkeit“. Der Abend entpuppt sich als Zweiteiler, startet mit tatsächlich so etwas wie einem Jahrmarkt und mündet in „The Greatest Show Of Loneliness“. Die „greatest show“ in zehn Jahren Wettenbostel wird‘s nicht, aber unterhaltsam – und wie so oft verbirgt sich in den Details der wahre Reiz.

Zuerst also wird das Publikum auf dem idyllischen Hof von Maria Krewet zu sieben kleinen rotweiß gestreiften Buden geleitet. Sie standen in den vergangenen Monaten in den Landkreisen der Umgebung, symbolisierten das große Thema Einsamkeit. Eine Bude stand abseits auf einem Acker als Ort für eine Malerin. Da hatte sie alle Ruhe der Welt. Einsamkeit, das will der Abend vermitteln, ist nicht nur negativ besetzt.

Nun also Schieß-, Los-, Orakel-, Fress- und andere Buden. Manche sind arg banal, manche poetisch, eine makaber: In der Endbude kann, wer mag, in einem Sarg probeliegen und die Radieschen von unten beschauen. Aber die Buden sind klein, es ist eng, und so einige der gut 200 Besucher streunen etwas ratlos umher. Die Idee des Jahrmarkts ist unterm Strich besser als die Realität. Nach knapp 30 Minuten versammelt Axel Pätz alias Maestro Riviera alle Akteure samt Kapelle der Eremiten zu einer Moritat über den homo sapiens quer durch die Jahrhunderte, dann geht‘s in die Reithalle lockt, wo es wirklich losgeht. Aber was geht da eigentlich los?

Szenen aus der Gegenwart sorgen für Tiefe

Anja Imig hat die Halle originell gestaltet und unters Dach eine Fülle von Papierkleidern gehängt, wie Mädchenspielzeug von anno dunnemals. Sie tauchten in Miniatur schon auf dem Jahrmarkt auf. Kleider machen Leute, laden zum Rollenwechsel. Auf der Bühne zwischen Stroh und Kapelle moderiert Maestro Riviera nun eine Art Revue. Er präsentiert Großmeister der Einsamkeit.

Handlung in engerem Sinne gibt es nicht. Als lose flatterndes Band dienen Auftritte der Figuren, die Maestro Riviera an den abgelegensten Orten aufgabelte, ob in der Wüste oder in der hintersten Ecke einer verräucherten Hafenkneipe. Der erste Mensch, der hinters Sonnensystem düste, taucht auf, eine ominöse Wahrsagerin, der viel gehauene Lukas und mehr.

Das Publikum wird auch auf die eigenen Einsamkeitswerte hingewiesen. Doch wirkt der Abend etwas richtungslos, kaum schaut er in die Tiefe, schon verflacht er – und umgekehrt. Die Szenen sind in sich gut gearbeitet, kommen aber von außen betrachtet oft zufällig daher. Es vermittelt sich kein Spannungsbogen, keine packende Dramaturgie. Offenbar ist bis kurz vor der Premiere einiges umgestrickt worden. Auftreten soll laut Programm auch eine Pferdeprinzessin, sie erreicht aber den Parcours nicht.

Es sind aus der Gegenwart dagegengeschnittene kurze Szenen, die anrühren: die Altenpflegerin, die nur sieben Minuten pro Patient hat und am Ende des Tages einsam und geschafft auf dem Sofa sitzt. Die Einsamkeit des Alterns und Sterbens. Oder die Frau aus Osteuropa, die in einem mit rotem Herzchen gekennzeichneten Wohnwagen an der Autobahnausfahrt hockt und ein trauriges Lied aus der Heimat singt. Oder der Mann, der seine Follower auf sogenannten sozialen Medien zu menschlichen Beziehungen halluziniert.

Axel Pätz zieht das Flatterband immer wieder straff, er hält den Abend beisammen. Und das Team macht in Spiel und Gesang viel, viel Spaß: Dörthe Breidenbach, Konstantin Buchholz, Kristin Norvilas gehören dazu. Autor Thomas Matschoß, der erstmals die Regie aus Händen gab, Barry Goldman und Anja Hingst überließ, röhrt in seinem stärksten Part einen Einsamkeits-Blues.

Der Mut, jedes Jahr ein anderes Theater zu erfinden

Und dann ist da noch eine Figur im Hintergrund: Robin Bongarts als Harry. Er sitzt oben auf einem Balken, schleicht ums Publikum herum, und manchmal zeigt er so nebenbei einen Zaubertrick. Es sind solche Details, die einem nicht durchweg bezwingenden Abend Charme verleihen. Das leistet ebenfalls die knackige Musik samt starker Band. Markus Voigt schrieb Songs über das Einsamsein, die von der Ballade bis zum Wut-Rockschrei reichen.

Theater jedes Jahr neu zu definieren, es also wieder ganz anders zu machen, fordert Mut. Auch das wird vom Publikum in der Reithallensauna nicht überschäumend, aber kraftvoll zustimmend gewürdigt. Gespielt wird bis Ende August an den Wochenenden.

von Hans-Martin Koch