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Zwischen Gittern: Jessica Kulp füllt den Kulturboden mit Objekten und Zeichnungen. Foto: oc

Der Zufall darf schon mal mitspielen

Scharnebeck. Jessica Kulp ist Künstlerin, aber im Moment ist Aaron viel wichtiger. Er hat erst ein paar Monate Erfahrung mit seiner Mutter, aber da er jetzt ers tmal pennt, ist denn doch Zeit für die Kunst. Jessica Kulp hat 2017 den Kulturpreis des Landkreises Lüneburg bekommen – eine gute Entscheidung! Nun stellt sie schon Gezeigtes und Neues auf dem Kulturboden Scharnebeck aus. Beim Aufbau hat sie selbst eine kleine Überraschung erlebt.

Immer geht es um Linie, um Form und um Raum, um Licht und Schatten – klassische Themen, die immer neu erobert sein wollen. Typisch für Jessica Kulp sind Gitter-Objekte, geformt aus Draht, den sie mit Gipsbinden umwickelt. Die Objekte entwickeln sich asymmetrisch zu so amorph wie organisch wirkenden Formen. Sie stehen frei im Raum, kleinere bekommen einen Sockel. Sie tragen keine Botschaft, aber sie haben viel mit Freiheit zu tun.

Zehn Meter lang, 1,50 Meter breit

Jessica Kulp lässt alles offen, sorgt mit Farbtupfern, mal rot, mal schwarz, für kleine Irritationen. Die größeren erzielt die Künstlerin dadurch, dass sie Objekte mit weißem, nahezu transparentem Stoff umspannt. So zwingt sie die offene, freie Gitterstruktur in einen festen Raum.

Den Skulpturen hat sie in jüngerer Zeit zeichnerisch/malerisch einen Akzent hinzugesetzt, in Bleistift-Schraffur auf Papier – zehn Meter lang, 1,50 Meter breit. Die Papierbahn, zentral in geschwungener Form in den Raum gehängt, fängt den Blick des Betrachters. Die Motivik auf dem Papier korrespondiert als Schattenspiel zu den Objekten. Die erwähnte kleine Überraschung ergab sich beim Ausleuchten: Der zeichnerische Schatten zu einem Objekt wurde zum Dreiklang, da das Licht seinen eigenen Schatten auf die angrenzende Wand malt. Der Zufall spielt also mit – wie auch die Intuition, aus der Jessica Kulp vieles schöpft.

Tanzen, Schweben, Zusammenfinden

Das sich fortsetzende Spiel der Schatten mag zum Thema Linie leiten, das sich ebenfalls durch das Werk der 37-Jährigen zieht. Auf dem Kulturboden führt sie einen Text in einer ununterbrochenen, schwingenden, zarten Linie über die weißen Wände. Das formulierte Gedicht binde in seiner Linienführung den Raum ein, sagt Jessica Kulp. Es geht in ihrem Text ums Tanzen, ums Schweben, ums Zusammenfinden und Auflösen – immer um Bewegung.

Jessica Kulp studierte an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste. Heute lebt sie mit Mann und Aaron auf einem Bauernhof in Diersbüttel. Schlicht „Objekt und Raum“ hat sie ihre Werkschau genannt. Am Sonnabend, 11. August, um 16 Uhr wird Kulturboden-Kurator Anton Bröring nach Begrüßung durch Bürgermeister Hans-Georg Führinger eine kompetente Einführung in das Werk und seinen Kontext geben. Aaron wird wohl zuhören – oder schlafen. Er darf das.

Die Ausstellung öffnet ab Sonntag bis 1. September freitags 16 bis 18 Uhr, sonnabends 15 bis 17 Uhr, sonntags 11 bis 13 Uhr.

Von Hans-Martin Koch