Aktuell
Home | Kultur Lokal | Der Untergang, der niemals endet
Das Unheil nimmt seinen Lauf, die Schwimmwesten werden übergestreift, Beklommenheit macht sich breit. Foto: Scott Rylander

Der Untergang, der niemals endet

Hamburg. Das größte Schiff der Welt, der bestbezahlte Kapitän, die reichsten Passagiere, und nun rottet das Wunder der Technik seit hundert und sechs Jahren in vier Kilometern Tiefe dahin. Es gab seither weit schlimmere Untergänge von Schiffen, doch keine Katastrophe hat die Menschheit so bewegt wie die der „Titanic“. Die Tragödie ist einfach ideal, um von menschlicher Hybris zu erzählen, von Selbstgefälligkeit, von Hoffnungen und Sehnsucht, von Liebe und Tod. Aktuell leistet „Titanic – The Musical“ einen Beitrag zur Never-Ending-Story und entpuppt sich bei aller angemessenen Skepsis als ausgereifte britische Produktion. Das Musicalschiff kommt an der Staatsoper langsam in Fahrt, am Ende hat es alle gepackt.

Der Zweieinhalbstünder von Maury Yeston (Musik) und Peter Stone (Libretto) lief erstmals 1997 am Broadway vom Stapel. Das Musical reiht sich ein in eine kaum überschaubare Masse an Adaptionen der Katastrophe: 15 Spielfilme, dazu Dokus, Bücher, Musikstücke, Bilder. Keine aus dem Stahl gerissene Niete, die nicht eine Ausstellung wert ist. Das Wrack wurde von der Unesco unter Schutz gestellt. Und es ist schon krank, dass in China 2019 ein Nachbau als Kreuzschiff in See stechen soll – schon wird mehr als eine Million Euro für ein Ticket geboten.

Große Effekte sind verzichtbar

Dagegen ist „Titanic – The Musical“ eine Wohltat. Das Stück greift das Genre des „Musical Play“ auf, orientiert sich weitgehend an der Historie, fast alle Figuren sind verbürgt. Verzichtet wird auf das fette Pathos, mit dem DiCaprio/Winslet der Kinowelt das große Heulen bescherten. Verzichtet wird auch auf eine große Effektmaschine. Hier spricht die Geschichte für sich.

Das Musical erzählt mehrere Schicksale parallel. Es braucht eine recht lange Exposition, um von der Brücke über die erste bis zur dritten Klasse und runter zu den Kohlentrimmern und Maschinenfettern tragendes Personal einzuführen. Das gelingt aber durch eine präzise Figurenführung und kurze, ineinandergleitende, mitunter dramatisch zugespitzte, auch mal humorige Szenen. Es braucht dafür nur ein Bühnenbild, das von „Stahlwänden“ begrenzt wird und mit wenigen Requisiten zum Funker, zum Heizer, zur Kapitänsbrücke oder in den Salon führt. Erst am Ende wird das Schiff aus den Fugen geraten.

Es ist der zweite Akt, wenn die Katastrophe ihren Lauf nimmt, der wirklich packt. Dabei ist das doch alles tausend Mal erzählt. Trotzdem rücken die Geschichten, in denen Hoffnungen auf einen Neuanfang und auf ein Leben in Liebe platzen, sehr nah. Anrührend ist die Szene, in der sich der fast schon greise Kaufhauskrösus Isidor Straus und seine Frau Ida (Dudley Rogers/Judith Street) in tiefer Liebe entschließen, nicht ins Rettungsboot zu steigen. Eindrucksvoll ist auch, wie Philip Ram dem Kapitän eine durchgängig stoische Haltung verleiht.

Musik ohne Powerballaden-Kitsch

Das „Titanic“-Musical lief bereits 2002 in einer deutschen Fassung in Hamburgs Neuer Flora. Andere Städte folgten. Diese britische Produktion (Regie: Thom Southerland) überzeugt durch Knappheit, Haltung und klare Struktur bis hin zur früh unheilschwangeren Musik, die Pop und Oper streift, aber nie abhebt ins Powerballaden-Kitschgetöse, das so viele Musicals verkleistert.

„Titanic – The Musical“ läuft bis zum 19. August in der Staatsoper – im Original mit Obertiteln. Es ist die einzige deutsche Station nach einer längeren Tour durch Großbritannien.

Von Hans-Martin Koch