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Annika und Pauline aus Thale im Harz lieben Cosplay und haben sich in Dämoninnen verwandelt. Foto: oc

Hogwarts steht im Heidesand

Westergellersen. Sie sitzen im Hobbitbau und lauschen. „Der Tod hat seine kalte Hand auf deine Schuler gelegt“, liest Burkhard Hennen und weiter: „Du hast einen Pestkranken geküsst.“ Aus der Ferne grollt eine Powermetalband, auf dem Reitplatz sammeln sich Quidditch-Teams, und im Fan-Dome gibt plötzlich Tom Felton ein kurzes Konzert. Der Tom Felton, der bei den Harry-Potter-Filmen den fiesen Draco Malfoy gespielt hat. Was ist da los? Drei Tage lang scheint Hogwarts, die berühmteste Schule für Zauberkunst, in die Lüneburger Heide verlegt zu sein. „Elbenwald“ nennt sich ein neues Festivalkonzept – und sein Testlauf verlief schon mal ganz gut.

„Meines Wissens gibt es so ein Festivalformat noch nicht“, sagt Alexander Lapeta. Er muss es wissen. Lapeta kommt aus Cottbus, gründete als Student mit Freunden einen Online-Shop für Fan-Artikel zu Tolkiens „Herr der Ringe“. Bald kam die Harry-Potter-Welt hinzu, und dann muss Magie im Spiel gewesen sein. Das Geschäft mit allem, was Fantasy betrifft, ging durch die Decke, und Lapeta zog in die analoge Welt. „Seit 2013 haben wir 36 Läden in Deutschland und Österreich eröffnet. Da kommen schon mal bis zu 2000 Leute zur Eröffnung“, sagt der 40-Jährige und zieht die Summe seiner Eindrücke: „Man spürt das Bedürfnis nach gemeinsamen Erlebnissen, wir wollen mit einem Festival Fantasy-Elemente verbinden.“

Zaubertrank und Schwerterkampf

Besucher kommen aus der ganzen Republik und darüber hinaus. Busfahrten wurden organisiert, vom Lüneburger Bahnhof pendelt ein Shuttle. 5000 Leute seien da, schätzt Lapeta. Zu wenig für die Kosten eines Festivals, aber: „Es ist ein Experiment“, sagt der Experte für kleine Fluchten aus dem Alltag. Zielgruppe sind 20- bis 30-Jährige, anders gesagt die „Generation 9 3/4“, wie sie sich nach dem Gleis nennt, von dem Harry Potter und Mitschüler nach Hogwarts aufbrechen.

Auf dem Festivalgelände haben die „Magical Mischief Makers“ ein Lager aufgeschlagen. „Wir sind alle begeisterte Harry-Potter-Fans“, sagt Levin, 26 Jahre, Student der Informations- und Medientechnik. Ein- bis dreimal im Jahr treffen sich die Mitglieder des – gemeinnützigen! – Vereins zu „Conventions“, mal im Wasserschloss Wülmsen, im Waldritter-Gelände Clausen oder andernorts. Sie schlüpfen in Kostüme, spielen drei Tage lang Hogwarts-Internatsleben. Spaß, Gemeinschaft, kleine Fluchten. Weltfremd sind sie so sehr wie Fußballfans in ihrer Kluft. Levin und Mitstreiter geben im Machwaszelt Workshops für Zaubertrank und Zauberstab.

Elemente verbinden! Das geht in der Fantasy-Welten nach Belieben. Auf der Wiese neben dem Zelt gibt die Schule für mittelalterlichen Schwertschaukampf einen Kurs. „Du musst ihm den Leib in der Mitte trennen“, ruft ein Trainer, und Heiko Schulze, ein Bär von einem Mann, sagt: „Verletzt hat sich noch niemand.“ Schulze beherrscht 140 Techniken, „die sind wie Wörter, mit denen man Geschichten erzählen kann.“

Mit Zauberstab in der Hand übers Gelände streifen

Die schuluniformierten Hogwarts-Schüler, die mit Zauberstab in der Hand übers Gelände streifen, haben für den Schwertkampf keinen Blick. Alle aber machen einen Stopp am Bücherstand. Zwei Wochen vor Festivalbeginn bekam Buchhändler Jan Orthey einen Anruf, ob er mit Lünebuch dabeisein möchte. Das „Buch der Zauberstäbe“ sei der Renner, sagt Orthey. Manche Autoren, die auf dem Festival lesen, kommen am Bücherstand vorbei. Wolfgang Hohlbein nicht, der Fantasy-Autor mit 44 Millionen verkaufter Bücher. Er las wie Burkhard Hennen im Hobbitbau.

Für den Blickfang auf dem Festival sorgen mehr noch als die Potter/Mitschüler Cosplayer wie Annika und Pauline aus Thale im Harz. Beide sind 20, die eine wird Logopädin, die andere wartet auf ihren Medizin-Studienplatz. Cosplay kam aus Japans Manga- und Anime-Szene über die Welt. Möglichst originalgetreu verwandeln sich Cosplayer in Figuren aus Comics und Trickfilmen. „Wir stellen aber keine bestimmte Figur dar, sind einfach Dämoninnen“ – mit bunter Perücke, schwarzem nietenbeschlagenen Outfit, Fantasy-Kontaktlinse, alles perfekt durchgestylt. Annika und Pauline sind da, „um mal komplett anders zu sein, um andere Cosplayer zu treffen, wegen der Musik und definitiv wegen Coldmirror.“

Für Autogramme wird schon mal extra gezahlt

Mehr als eine Million Abonnenten hat der Youtube-Kanal von Coldmirror alias Kathrin Fricke, auf dem sie Harry-Potter-Parodien zeigt. Gerade löst sie eine gut 300 Meter lange Schlange aus, sitzt in einem Zelt und hält ihre Autogrammstunde ab. Diese gehören fest zum Programm des Festivals. Völlig üblich ist es, für Autogramme der großen Stars ex­tra zu zahlen – 50 Euro für Tom Felton etwa. „Wir haben den Preis so gut wir konnten gedrückt“, sagt Elbenwald-Chef Lapeta. Er ist müde, er bekommt fürs Programm bis hin zum Auftritt eines Filmorchesters ein sehr gutes Echo. Machen sie weiter im Elbenwald? „Ich möchte da keine Prognose abgeben.“ Letztlich geht es auch bei kleinen Fluchten um großes Geld.

Von Hans-Martin Koch