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Inger Maria Mahlke eröffnet den Literaturwettbewerb mit dem Roman „Archipel“. Foto: Dagmar Morath

Sechs Autoren, sechs Städte, ein Preis

Lüneburg. Jenny Erpenbeck hat ihn, Michael Köhlmeier auch. Bodo Kirchhoff gehört dazu und Katja Lange-Müller. Die Reihe ist 26 Namen lang. Jetzt wird Nummer 27 gesucht: Der Wettbewerb LiteraTour Nord schickt wieder sechs deutschsprachige Autoren auf Lesereise durch den Norden. Eine oder einer wird am Ende den Preis der VGH-Stiftung erhalten, der wiegt 15 000 Euro, das ist sehr viel Geld für Autoren.

Es geht Schriftstellern ähnlich wie Musikern. Sie verdienen mehr Geld mit Auftritten als mit dem Verkauf ihrer Produkte – abgesehen von Bestsellerautoren. Wer bei der LiteraTour Nord liest, das wird von einer 13-köpfigen Jury festgelegt. In ihr sitzen je zwei Vertreter der teilnehmenden Städte, eine weitere Stimme hat die VGH-Stiftung, die seit 2006 Veranstalter der Reihe ist.

Die beteiligten Städte sind Oldenburg, Bremen, Lübeck, Ros­tock, Hannover und – seit 2003 – Lüneburg. Die Lüneburger Stimmen in der LiteraTour Nord haben Kerstin Fischer als Geschäftsführerin des Literaturbüros und Dr. Tilmann Lahme von der Leuphana.

Partner und Co-Veranstalter vor Ort sind wie in Lüneburg ein Literaturhaus oder wie in Oldenburg und Rostock eine Buchhandlung. Dazu kommt eine Besonderheit: Die LiteraTour Nord wird von einem Seminar an der Universität der beteiligten Stadt begleitet.

Jedes Jahr im Juni wählt die Jury die Kandidaten aus, die zwischen Oktober und Februar unterwegs sind. Am Ende entscheiden die Juroren über die Preisvergabe. Dazu kommt als 14. eine Publikumsstimme, die sich durch Einsendungen aus den beteiligten Orten ergibt. „Die Publikumsstimme deckt sich oft mit dem Votum der Jury“, hat Kerstin Fischer festgestellt.

Das sind die Lesungen der LiteraTour Nord 2017/18:

▶ Inger-Marie Mahlke , geboren 1977, mit „Archipel“.
Zum Buch: Rosa kehrt zurück nach Teneriffa, wo ihr Großvater Julio im Altenheim von La Laguna noch mit über 90 Jahren als Pförtner arbeitet. Julio war Kurier im Bürgerkrieg, Gefangener der Faschisten, floh und kam wieder – einer, der Privilegien nur als die der anderen kennt.
Urteil der Jury: Immer wieder erzählen Inger-Maria Mahlkes Romane von den Rändern der Gesellschaft. Mit „Archipel“ legt sie einen europäischen Roman von der Peripherie des Kontinents vor und führt so unsentimental wie deutungsstark durch ein Jahrhundert voller Umbrüche und Verwerfungen.
Lüneburg-Termin: Mittwoch, 24. Oktober, 19.30 Uhr, Heinrich-Heine-Haus.

▶ Thomas Klupp , geboren 1977, mit „Wie ich fälschte, log und Gutes tat“.
Zum Buch: Die Wirtschaft in der Vorzeigekleinstadt Weiden brummt, von den Lady-Lions gibt es Charity-Barbecues für Flüchtlinge, und die Tennisjugend gewinnt das Landesfinale. Mittendrin versuchen Benedikt, Vince und Prechtl, ihre Schulleistungen vor den erfolgsgierigen Eltern zu verbergen und feiern exzessive Nächte im „Butterhof“, während die Lady-Lions ausgerechnet Unterweltkönig und „Butterhof“-Betreiber Crystal-Mäx beim Bau von Flüchtlingswohnungen unterstützen.
Urteil der Jury: Anarchisch, temporeich und mit bitterbösem Humor entlarvt Thomas Klupp Lügen und Abgründe in der Provinz.
Lüneburg-Termin: Mittwoch, 14. November, 19.30 Uhr, Heine-Haus.

Joachim Zelter , geboren 1962, mit „Im Feld: Roman einer Obsession“.
Zum Buch: „Im Feld“ erzählt von der Parforce-Tour eines Radvereins und von der Sogwirkung eines rastlosen Pelotons: dem Zusammenwirken von Fahrrad, Mensch und sozialer Gruppe.
Urteil der Jury: Am Ende erweist sich Zelters Roman als gesellschaftspolitische Parabel von eminenter Wucht und handelt von Anpassung und Bereitwilligkeit, von Leistungsdruck und subtiler Tempoverschärfung, von der Unfähigkeit, auch nur eine Pedalumdrehung auszulassen.
Lüneburg-Termin: Mittwoch, 5. Dezember, 19.30 Uhr, Heine-Haus.

Saskia Hennig von Lange , geboren 1976, mit „Hier beginnt der Wald“.
Zum Buch: Ein Lasterfahrer flieht vor sich selbst und seinen Kindheitserinnerungen, vor seiner Frau und ihrem ungeborenen Kind. Er flieht in eine Einsamkeit, der er nicht gewachsen ist, verkriecht sich nach einem Unfall im Wald – und begegnet einem rätselhaften Jungen.
Urteil der Jury: Auch in ihrem dritten Buch zeigt sich Saskia Hennig von Lange als Meisterin der Innenperspektive und macht eindringlich und literarisch gekonnt die zunehmende Verstörtheit ihres Helden im Abseits nachvollziehbar.
Lüneburg-Termin: Mittwoch, 9. Januar, 19.30 Uhr, Heine-Haus.

▶ Nino Haratischwili , geboren 1983, mit „Die Katze und der General“.
Zum Buch: Alexander Orlow, ein russischer Oligarch, hat ein neues Leben in Berlin begonnen. Doch die Erinnerungen an den Tschetschenienkrieg und an die dunkelste aller Nächte mit der Tschetschenin Nura lassen ihn nicht los.
Urteil der Jury: In ihrem packenden, psychologisch tiefenscharfen Roman über Schuld und Sühne, den Krieg in den Ländern und in den Köpfen und die Sehnsucht nach Erlösung spürt die Autorin den Abgründen zwischen den Trümmern des zerfallenden Sowjetreichs nach und lässt ihre Figuren mit der Wucht einer klassischen Tragödie aufeinanderprallen.
Lüneburg-Termin: Mittwoch, 23. Januar, 19.30 Uhr, Heine-Haus.

▶ Steven Uhly , geboren 1964, mit „Den blinden Göttern“.
Zum Buch: Ein Unbekannter spielt dem Buchhändler Friedrich Keller ein Manuskript mit Sonetten zu, worin dieser ein Meisterwerk erkennt. Geraume Zeit später sieht Keller den Mann auf der Straße wieder und sucht das Gespräch mit dem Genie. Doch als der Dichter bei ihm zu Hause aufkreuzt, gerät seine Welt aus den Fugen.
Urteil der Jury; Steven Uhlys Roman, der die Gedichte tatsächlich enthält, lässt in einem klugen Spiel zwischen Dichtung und Wahrheit offen, ob eine wahre Geschichte oder eine Persiflage vorliegt.
Lüneburg-Termin: Mittwoch, 6. Februar, 19.30 Uhr, Heine-Haus.

Von Hans-Martin Koch