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So sehen die Toten Hosen nach 35 Jahren Rockgeschäft aus: „Laune der Natur“ heißt das aktuelle Programm der Party-Arbeiter. Auf der Bühne sind sie zum Glück munterer als auf dem Bild. (Foto: Paul Ripke)
So sehen die Toten Hosen nach 35 Jahren Rockgeschäft aus: „Laune der Natur“ heißt das aktuelle Programm der Party-Arbeiter. Auf der Bühne sind sie zum Glück munterer als auf dem Bild. (Foto: Paul Ripke)

Punk für den Mittelstand

Hamburg. Das war also Nummer 39. Das 39. Konzert der Toten Hosen in Hamburg. „Wir werden die 50 vollmachen“, ruft Campino den gut 17 000 auf der Bahrenfelder Trabrennbahn zu. Treten sie alle Jahre wieder auf, wird er dann 67 sein, die Fans im Schnitt auch. Sie werden kommen, singen, gröhlen, Hände in die Luft werfen, jubeln, Bier trinken. Viel Bier. Die Toten Hosen gehören zu den verlässlichsten Größen im deutschen Showgeschäft. Sie werden weiter auf der Trabrennbahn galoppieren.

Das krumme Bild von Trab und Galopp kennzeichnet den Status der Band ganz gut. Längst sind die Toten Hosen im Mainstream angekommen. Alle Dudelsender spielen in Jahren wie diesen die Hits der Band, zwischen Sheeran und Tawil. Da fällt die Musik in den gemütlichen Pop-Trab. Live aber bricht sich der alte Punkgalopp Bahn. Die Band hinter dem Sänger leistet konsequente, harte, etwas freudlose Party-Arbeit. Alles hängt an Sänger Campino. Er bezirzt, befrotzelt, befeuert die ausgelassene Tanz- und Hops-Meute.

Die Hosen liefern seit 35 Jahren stadiontaugliche Mitsing-Hymnen. Das klappte schon mit den frühen, nach wie funktionierenden Gröhlern wie „Eisgekühlter Bommerlunder“ und „Opel-Gang“. Um die 35 Stücke sind es am Ende des Hamburger Konzerts, lauter Band-Klassiker sind dabei: „Alles aus Liebe“, „Wünsch dir was“, „Bonnie & Clyde“, natürlich „Tage wie diese“, dazwischen ein paar Cover wie „Halbstark“ oder Iggy Pops „Passenger“.

Lästern über Hamburger Abstiege

Zwischendurch lästert Campino ein bisschen über Hamburg, natürlich auch über den zweitklassigen HSV. Der folgende Song kann nur „Steh auf, wenn du am Boden bist“ sein. Fußball ist immer ein großes Thema für den erstklassigen Fortuna-Düsseldorf-Fan. „You‘ll Never Walk Alone“, das bekannteste aller Stadionlieder, bildet so etwas wie die Klammer bei Konzerten der Band.

Punk, Rock, Schlager, was auch immer das ist – die Toten Hosen spielen Volksmusik wie Lindenberg, der gerade durch die Hallen tourte. Wie Grönemeyer, der 2019 unterwegs ist. Oder wie Die Ärzte, die zurzeit wenig praktizieren. Sie alle sind alternde oder schon alt gewordene Musiker, die über Jahre und Jahrzehnte Stadien füllen.

Campino & Co. erreichen Generationen: Auf der Trabrennbahn steht ein müder Zehnjähriger im Fan-T-Shirt, er kennt offenbar alle Texte. Die Frau um die 30 in blauer Bluse und gebügelter Jeans röhrt: „Hier kommt Alex. Doppelt so alt ist der Zauselbart, dem das Hosen-Shirt den Kugelbauch bespannt; er wankt im Takt, so gut es heute Abend noch geht. Das mögen Klischees sein, aber so isses.

Es gibt bei Hosen-Konzerten nur eine Möglichkeiten: Man stürzt sich in die Menge und hat Spaß. Die fünf Prozent, denen das nicht gelingt, wandern vor dem ersten Zugabeblock ab.

Musikalisch ist das alles recht gleichförmig, verlässlich eben. Interessanter wird es kurz, als sich ein Streichquartett einmischt. Geiger, Bratscher und Cellist können auch Party mache

Die Toten Hosen sind bei allem Kommerz eine Band mit Haltung – gegen Rassismus, gegen menschenverachtende Flüchtlingspolitik, gegen Ausbeutung in der Nahrungsmittelproduktion – die Liste ist länger. Im Konzert kommen Bekenntnisse parolenkurz rüber, aber mehrere Organisationen reisen auf den Touren der Band mit. Das Engagement ist weit mehr als Pose.

Jetzt geht es wieder nach Argentinien

Weiter, immer weiter, solange die Stimmbänder halten. Ein Hörsturz zwang Campino gerade sechs Wochen Pause auf. Vor Konzert 40 in Hamburg – 2019? – stehen nun erstmal die Waldbühne Berlin an und andere massentaugliche Spielstätten. Nicht alle sind ausverkauft. Dann geht es nach Argentinien, dort sind die Toten Hosen seit 25 Jahren eine große Nummer. Peking und Hongkong bespielten sie auch schon. Das Touren schlaucht, angeblich reist seit Jahren ein Physiotherapeut mit. Egal: kein Ende in Sicht!

Von Hans-Martin Koch