Aktuell
Home | Kultur Lokal | Der Blick richtet sich auf Europa
Direktor Dr. Joachim Mähnert in der Gemäldegalerie, in der sich wie sonst an keinem Ort in Lüneburg Kunstgeschichte vermitteln lässt. Foto: t&w

Der Blick richtet sich auf Europa

Lüneburg. Am 25. August eröffnet nach mehr als dreijähriger Schließung das neu konzipierte und um eine Deutschbaltische Abteilung erweiterte Ostpreußische Landesmuseum. Erwartet werden unter anderem Monika Grütters, Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, und die Botschafter aus Litauen, Estland und Lettland. Am Sonntag, 26. August, öffnet das Museum von 10 bis 18 Uhr mit ermäßigtem Eintritt. Im Interview geht Museumsdirektor Dr. Joachim Mähnert auf Sinn und Ziel des Museums ein.

Zuerst müssen Sie bitte erklären, warum das Museum viel länger als ursprünglich geplant geschlossen war.
Dr. Mähnert: Wir hatten die alte Ausstellung im Frühjahr 2015 geschlossen, im Frühjahr 2016 das Foyer und einen Raum für Sonderausstellungen geöffnet. Wir verfügten zunächst über einen Ausstellungsetat,. der für einen wirklichen Neustart noch nicht ausreichend war. Dieser wurde dann in zwei Stufen grob vervierfacht, das dauerte eine gewisse Zeit. Wir haben nach Bewilligung der Gelder, die in erster Linie vom Bund kamen, die Neuaufstellung in 14 Monaten umgesetzt, das ist schon sportlich. Die Eröffnung am kommenden Wochenende ist seit einem Jahr datiert. Den Termin halten wir. Alles wird nicht fertig sein, aber das war auch nicht vorgesehen. Einige Medienstationen, die Mehrsprachigkeit und manch kleines Detail werden folgen, aber kein neuralgischer Punkt ist betroffen.

In einer Woche ist nun Eröffnung, was müssen Sie bis dahin noch unbedingt schaffen?
Die letzten Vitrinen werden erst am Montag zuvor geliefert. Es gab ein Problem bei der Produktionsfirma, die wegen der wochenlangen Hitze Lackierarbeiten nicht termingerecht ausführen konnte. Es wird ein uns alle fordernder Endspurt.

Was ist für Sie, wenn Sie es knapp und konkret anschaulich machen sollen, die wichtigste Änderung zum bisherigen Haus?
Die Ausstellung richtet sich deutlich an ein jüngeres Publikum als bisher, sie ist didaktischer, wir erwarten kaum Vorwissen bei unseren Besuchern. Natürlich wollen wir auch Schulklassen als Besucher erreichen, wir haben für sie ein attraktives Themenumfeld. So präsentieren wir neue Themen, gehen auf die Zeit nach 1945 ein mit Fragen, die heute sehr aktuell sind: Was bedeuten Flucht, Vertreibung, Ankommen in einer fremden Umgebung? Das Museum ist nicht einfach ein Fernrohr in die Geschichte, sondern will Themen der Gegenwart aufgreifen. Wie entsteht eine Nation? Wie Nationalismus? Warum bekommt das Thema Heimat wieder so eine Bedeutung? Solche Fragen interessieren uns. Wir liefern aber keine fertigen Antworten, wir wollen zum Nachdenken verführen.

Wie verändert die neue Deutschbaltische Abteilung den Charakter des Hauses?
Wir werden mit dieser Abteilung den europäischen Charakter des Museums stärken, Europa als gewachsenen Kulturraum darstellen. Mit großartigen Exponaten in der Malerei und im Kunsthandwerk wird zudem der kulturhistorische Wert des Museums gesteigert.

Sie haben einen sehr großen, thematisch breit gefächerten Bestand an Exponaten aus Politik, Natur, Kultur, kann man daraus überhaupt eine Art strukturierter Erzählung für den Besucher schaffen?
Wir gliedern das Museum nicht streng chronologisch, sondern in 17 Kapitel, die oft die zeitliche Abfolge durchbrechen. Wir haben für viele Interessen ein Angebot, sei es die Kunst, die Natur, die politische Geschichte und für Kinder einen eigenen Rundgang. Das Angebot bietet einem gründlichen Besucher sicher mehr, als er an einem Tag schaffen kann. Insgesamt bespielen wir jetzt 2000 Quadratmeter, 500 mehr als zuvor.

Ist bei Besuchern heute eigentlich das Original noch wichtig oder ist es nicht vielmehr die mediale Inszenierung eines Themas?
Wir setzen im Museumsbetrieb sicher mehr technische Medien ein als zuvor, zum Beispiel haben wir Zeitzeugen „digital konserviert“. Beim Einsatz von neuen Medien muss man aber beachten, dass ihre Erhaltung teuer ist und sie rasch altbacken wirken. Im Übrigen glaube ich an die Renaissance des Originals, keine virtuelle Sichtweise kann es ersetzen. Für Museen ist es das Alleinstellungsmerkmal.

Wie ordnet sich das Ostpreußische Landesmuseum künftig in die Lüneburger Museumslandschaft ein?
Wie sind ein Museum, für das viele Besucher von außen kommen. Die Rolle bauen wir aus, noch deutlicher, wenn wir 2024 den Kant-Trakt hinzubekommen, nachdem wir die größte Sammlung über den Philosophen erhalten haben. Der internationale Charakter unseres Hauses zeigt sich auch darin, dass zur Eröffnung in einer Woche drei Botschafter kommen. Von guter Museumsarbeit profitieren alle Museen in der Stadt, ich sehe da keine Konkurrenz. Es würde mich aber freuen, wenn das Stadtmarketing die Bedeutung der Kultur in der Stadt entdecken würde.

Vom Thema her ist das Museum international ausgerichtet, welche Rolle spielen für den Betrieb und Besuch die Menschen der näheren Region?
Natürlich eine große: Lüneburg ist ein großartiger Standort. Zukünftig zeigen wir auch ein Stück Stadtgeschichte, behandeln mit dem Thema Ankommen der Flüchtlinge 1945 den Wandel der Stadt durch diese Neubürger.

Sonderausstellungen sind für Museen heute von entscheidender Bedeutung, teilen Sie diese Perspektive?
Jein. Für die Menschen aus der Umgebung stimmt das natürlich, für überregionales Publikum nicht so sehr. Wir können bis zu 550 Quadratmeter für größere Sonderausstellungen nutzen, und wir werden natürlich wieder ein reiches Kulturprogramm für die Menschen hier anbieten. Lüneburg hat ja ein sehr großes, breit aufgestelltes Abendprogramm, wir werden da unseren Platz finden.

Zum Schluss das Formale: Was kostete die Neuaufstellung?
Die Gesamtkosten liegen bei 8,2 Millionen Euro, davon flossen 2,6 Millionen Euro in die Dauerausstellung. Klingt viel, ist aber für 2000 Quadratmeter lediglich unterer Standard in der professionellen Museumswelt.

Erhöhen sich die Kosten für den laufenden Betrieb?
Mehr Fläche bedeutet natürlich mehr Kosten. Aber deutlich teurer wird es nicht, da wir bei den Energiekosten erheblich sparen. Wir haben künftig eine feste Stelle mehr im Team, das ist Dr. Eike Eckert, der sich um die Deutschbaltische Abteilung kümmert.

Haben Sie sich eine Zielvorgabe gesetzt, wie hoch die Besucherzahl im Jahr sein sollte?
Besuchermaximierung ist nun wirklich nicht alles. Wir werden zum Beispiel eine tolle Eröffnungswoche bieten, aber nicht kostenfrei. Wir haben keine Zielvorgabe, sind einfach gespannt. Die Zahl 40.000 im Jahr wäre natürlich nicht schlecht.

Worauf freuen Sie sich denn jetzt am meisten?
Auf eine hoffentlich gelungene Eröffnung. Es wird sehr, sehr voll, und es wäre schön, wenn alle dennoch sagen: Es hat sich gelohnt. Ehrlich gesagt freue ich mich, wie viele bei uns im Team, nach einer sehr spannenden, aber auch sehr lange Arbeitstage fordernden Zeit auf ein paar freie Tage im September.

Von Hans-Martin Koch

Rückblick

Ein Weg mit vielen Windungen

Lüneburg ist Standort des Museums, weil nach 1945 sehr viele Ostpreußen in die Heideregion flüchteten. Die Geschichte des Museums begann vor 60 Jahren im Alten Kaufhaus mit dem von Vertriebenen geprägten „Ostpreußischen Jagdmuseum – Wild, Wald und Pferde“. Anfang der 1980er Jahre folgte die Umbenennung in Ostpreußisches Jagd- und Landesmuseum. 1982 beschloss die Bundesregierung „zur Weiterführung der ostdeutschen Kulturarbeit“ die Gründung von „Landesmuseen der großen ostdeutschen Regionen“. Daraus folgte 1987 der Neubau an der Ritterstraße als Ostpreußisches Landesmuseum. Zugleich begann ein von politisch motivierten Auseinandersetzungen beschwerter Wandel im Selbstverständnis. Das Museum verknüpfte den Blick zurück mit dem in die Gegenwart und baute Kontakte mit Litauen, Polen und der russischen Enklave Königsberg aus. Gründungsdirektor war Dr. Friedrich Jacobs. Von 1991 bis 2004 stand Ronny Kabus an der Spitze. Dessen fristlose Entlassung durch die Ostpreußische Kulturstiftung sorgte für erheblichen Wirbel. Stiftungsvorsitzender war bis 2013 der wegen geschichtsverharmlosender Positionen umstrittene heutige AfD-Bundestagsabgeordnete Wilhelm von Gottberg. Seit 2009 ist Dr. Joachim Mähnert (51) Direktor. Unter seiner Leitung wuchs und wächst das Profil des Landesmuseums als international ausgerichtete, europäisch vernetzte Einrichtung.