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Die Lüneburger Singakademie hat die Kinderoper „Brundibár“ einstudiert, ein Werk mit grausiger Aufführungsgeschichte. Foto: t&w

Kein Licht am Ende

Lüneburg. Die erste Produktion der neuen Theatersaison entstand zusammen mit der Leuphana. Das Seminar „Musik und Macht“ von Prof. Dr. Michael Ahlers mündete in ein Konzert der Reihe StadtRaumKlang mit den Lüneburger Symphonikern. Im gut besuchten Fürstensaal hinterließ das „Ich wandere durch Theresienstadt“ betitelte Konzert tiefe Betroffenheit, aber auch jenes Gefühl von Hoffnung, wie es nur hart unter schwersten Bedingungen erkämpft werden kann – in Solidarität gegen Gewalt und Schreckensherrschaft.

Aufgeführt wurden je ein Instrumentalwerk der in Auschwitz ermordeten Komponisten Hans Krása und Pavel Haas, dazu die in den letzten Jahrzehnten immer häufiger inszenierte Kinderoper „Brundibár“ von Hans Krása. Moderatorin Sophie Stange berichtete kurz und informativ von der Historie der Werke und dem Schicksal der Komponisten. Sie waren wie viele andere Künstler im Transit- und Vorzeigelager Theresienstadt interniert.

Dort gab es in Täuschungsabsicht für eventuelle auswärtige Besucher ein Orchester und eine Bühne. Die kulturellen Institutionen, intern auch für grausamste Zwecke missbraucht, sollten den Eindruck erwecken, dass die zuvor evakuierte Garnisonsstadt, wie von den Nationalsozialisten propagiert, ein „den Juden geschenkter“ Ort mit normalem Alltagsleben war. Musiker und Schauspieler aber wurden – wie die Ausführenden der Kin­der­oper – systematisch in Auschwitz ermordet.

Die Kinderoper und das Konzentrationslager

Mit Pavel Haas‘ Studie für Streicher, einem atmosphärischen Stück voller eindringlicher Motive, traditioneller Formanleihen und dissonanter beredter Klangstrukturen eröffneten die Symphoniker unter Leitung von Philip Barczewsi das Konzert. Abschließend erklang Hans Krásas „Ouvertüre für Orchester“, ein teils turbulentes, fragendes Werk mit immer wieder ins Positive, Harmonische drehenden musikalischen Wendungen.

1938 bereits hatte Hans Krasa im besetzten Prag mit den Proben für „Brundibár“ (Librettist: Adolf Hoffmeister) im jüdischen Waisenhaus und Kinderheim begonnen. An ein KZ als Schauplatz soll er noch nicht gedacht haben, auch kaum daran, dass der böse Protagonist als Abbild Hitlers erscheinen könnte, was viele jedoch damals fühlten.

Alle Kinder spielten mit spürbar großem Engagement

Im Fürstensaal begann die Szenerie eines Kleinstadt-Marktplatzes gleich neben dem Orchester: Die armen Geschwister Aninka und Pepíček (Franziska Meyer, Leo Ehmke) versuchen, für ihre kranke Mutter Milch beim Milchmann (Fenja Gerken) zu ergattern. Wie der Leierkastenspieler Brundibár (Anton von Mansberg) wollen sie mit Gesang Geld sammeln, doch dieser vertreibt seine Konkurrenten. Unterstützung bekommen die Geschwister im Traum: Spatzen, Hunde und Katzen (acht weitere Kinder) wollen helfen. Nun fühlen sie sich stark genug, um sich mit vielen anderen Kindern, gesungen und dargestellt vom Kinder- und Jugendchor der Singakademie, gegen Brundibár zu wehren. Sie schaffen es, ihn zu verscheuchen.

Alle Kinder spielten mit spürbar großem Engagement, sangen gut verständlich und mit hinreißendem Temperament, inklusive Eisverkäufer Anneke Kramer und Bäcker Miriam Wantikow. Bilder der Aufführungen in Theresienstadt auf einer Leinwand ergänzten die Szene.

Musik ist immer ein Hoffnungsträger

In Theresienstadt instrumentierte Krása nach eigenem Klavierauszug die verbotene Oper neu, sie wurde mindestens 55-mal aufgeführt. Nahezu alle Stimmen der Partitur sind original überliefert, so Prof. Dr. Friedrich Geiger aus Hamburg. Mit Prof. Ahlers und Dirigent Barczewski sprach der Musikhistoriker in einer anschließenden Podiumsdiskussion über die Bedeutung von Musik in extremen Regimes. Sie berge Emotionen und tieferen Sinn, sei immer ein Hoffnungsträger. Als Ermutigung zum Durchhalten gegen die Unmenschlichkeit sei auch der triumphale musikalische Schluss der Oper und der Freudentaumel der Kinder zu verstehen.

Umso perverser mute die Tatsache an, dass gerade diese Ausschnitte aus der Kinderoper von den Nationalsozialisten zur Vortäuschung eines freien jüdischen Ghettolebens missbraucht wurden. Vor auswärtigem Besuch im Lager wurden zum Beispiel eigens Kulissen für Vorzeigestraßen in Theresienstadt gebaut. Diese sowie die Kinderoper wurden Bestandteile eines Propaganda-Dokumentarfilms über Theresienstadt. Den Künstlern selbst und mit ihnen den zuhörenden Lagerinsassen aber wurden durch Aufführungen wie der „Brundibár-Oper lediglich einige Stunden des Vergessens der stets gegenwärtigen ungeheuren Gräuel beschert.

Von Antje Amoneit