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Leonard Bernstein wird begrüßt von Justus Frantz und Oberstadtdirektor Reiner Faulhaber. (Foto: A/hei)
Leonard Bernstein wird begrüßt von Justus Frantz und Oberstadtdirektor Reiner Faulhaber. (Foto: A/hei)

Das Lüneburger Doppel

Lüneburg. Leonard Bernstein fällt in die Kategorie Genie. Er hat großartige, bis heute umwerfend wirksame Musik geschrieben. Allein die „West Side Story“ aus dem Jahr 1957 bleibt eines der wichtigsten Werke des 20. Jahrhunderts. Der Pianist, Komponist und Dirigent jüdischer Abstammung war auch einer der ersten Musiker, die auf Versöhnung mit Deutschland setzten. Bernstein, der morgen, am 25. August, vor hundert Jahren geboren wurde, gestorben ist er 1990, trat bereits 1948 in München auf; nur Yehudi Menuhin kam früher.

Eng verbunden ist Bernsteins Name mit dem Schleswig-Holstein Musik Festival, dessen Gründer Justus Frantz die klassische Musik populär machte, indem er sie aus dem Konzertsaal holte und aufs Land schickte. Das Festival begann am 2. Juli 1986 in Kiel mit Joseph Haydns „Schöpfung“. Leonard Bernstein dirigierte. Justus Frantz hatte den Amerikaner gewonnen. Er kannte ihn seit 1975. Da hatte der Pianist Frantz sein USA-Debüt mit den New Yorker Philharmonikern gegeben, Leitung: Leonard Bernstein.

Eingefädelt abends beim Wein

Das Schleswig-Holstein Festival gewann schnell Weltruf. Hamburg wurde einbezogen, und sehr früh auch Lüneburg, sozusagen als Südpol. Eingefädelt hatte den Kontakt der damalige Oberstadtdirektor Reiner Faulhaber, abends beim Wein nach einem Meisterkonzert, das Justus Frantz im Theater Lüneburg gab. Dem zu dem Zeitpunkt noch frischen Festivalmacher gefiel die Idee, die alte Stadt Lüneburg einzubeziehen. Seither kamen Weltstars nach Lüneburg, bis exakt heute. Denn an diesem Freitag singt der Bariton Thomas Quasthoff im ausverkauften Audimax Jazz – vielleicht hat er einen musikalischen Gruß für Bernstein im Gepäck.

Leonard Bernstein kam vor 30 Jahren nach Lüneburg. Am 9. Juli dirigierte er in der Johanniskirche das Mozart-Requiem. Chor und Orchester des Bayrischen Rundfunks wirkten mit, Solisten waren Marie McLaughlin (Sopran), Maria Ewing (Alt), Jerry Hadley (Tenor) und Cornelius Hauptmann (Bass). Alles Sänger, deren Karriere um die Welt führte. Das Konzert wurde in Dieessen am Ammersee wiederholt – es gibt einen Konzertmitschnitt, der bei der Deutschen Grammophon erschien. Auf Youtube ist die Aufführung zu sehen.

Scotch und Zigarette

Ein Jahr später folgte ein zweiter Lüneburg-Abend mit Bernstein. Dieses Mal war das Spektakel um einiges aufwendiger. Eine große Bühne stand auf dem Marktplatz, 5000 Besucher füllten den Platz, und während der Meister sich mit seinen treuen Begleitern Scotch und Zigarette im Rathaus auf ein Sofa legte, tobten sich im ersten Konzertteil drei Jungspunde als Dirigenten aus. Mark Stringer, heute Professor in Wien, Carl St. Clair, der u.a. Generalmusikdirektor an der Komischen Oper Berlin wurde, und das Temperamentsbündel Eiji Oue. Oue stand lange Jahre als Chefdirigent im Dienst der NDR Radiophilharmonie Hannover. Mit dem Orchester kam Oue auch zu den Lüneburger Meisterkonzerten. Auf dem Marktplatz ‚89 übernahm Bernstein Part zwei, mit Tschaikowskys vierter Sinfonie – das ging „Allegro con fuco“ ab, wurde also mit Feuer dirigiert.

Natürlich war Justus Frantz vor Ort, er kam per Hubschrauber. Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht saß in der ersten Reihe und war neidisch. Er wollte auch ein so großes Festival. Das kam – und scheiterte bald; aber das ist denn doch eine andere Geschichte. Bernstein in Lüneburg jedenfalls – das waren zwei große Tage in der jüngeren Kulturgeschichte der Stadt.

Von Hans-Martin Koch