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„Das hier macht mehr Spaß als die Winterreise“, sagt Thomas Quasthoff, darüber freut sich im Hintergrund auch Pianist Frank Chastenier. Foto: t&w

Hier wird nicht geknödelt

Lüneburg. „Ich gebe es ja zu: Das hier macht mehr Spaß als die ‚Winterreise‘“, sagt Thomas Quasthoff. Dabei hatte der Bassbariton mit seiner Interpretation von Franz Schuberts Liederzyklus, generell mit Musik der Romantik, international für Aufsehen gesorgt. Aber das war im vergangenen Jahrtausend, mittlerweile hat sich der weltweit gefeierte Sänger von der Klassik verabschiedet, das freut die Jazz-Fans. Im Audimax bot er, begleitet von der NDR Bigband, ein Programm von Blues über Swing bis Pop – ein mitreißender, berührender Abend, der auch mit dem Klischee aufräumte, dass klassisch ausgebildete Sänger/innen nicht mit einem Mikrophon umgehen können.

Das Konzert, Teil des Schleswig-Holstein Musik Festivals, war seit langem ausverkauft. Quasthoff, 1959 in Hildesheim geboren, hat die berühmten Opernsäle von Mailand bis New York mit der Kraft seiner Stimme und seiner Seele gefüllt. Doch nebenbei pflegte er, auch von seinem Bruder beeinflusst, immer wieder den Swing, die Musik von George Gershwin beispielsweise.

Das ist eine eigene Welt. Der Theaterheld schmettert und fleht, der Jazzer schmachtet und seufzt. Billie Holiday gilt als diejenige, die das Mikrophon, also die elektrische Verstärkung, als eigenständiges Musikinstrument entdeckte. Feine Facetten der Stimme konnten nun beleuchtet und auf der Bühne präsentiert werden. Der Tenor Peter Hoffmann war krachend gescheitert, als er sich als Rocksänger etwa an „House of the rising sun“ versuchte, es blieb Oper.

Das Mikrophon als Chance und Herausforderung

Thomas Quasthoff aber hat den Blues, den melancholischen Humor, den schnodderigen Tonfall, das Feeling für die Baumwollfelder der Südstaaten. Er macht es vor, wendet sich vom Mikro ab: „Sie können mich auch so verstehen, aber“, und nun raunt er in die Membran, „so hat die Stimme doch viel mehr Sex-Appeal“. Zweifellos. Das Publikum lacht, klatscht, zu diesem Zeitpunkt hatte er seine Zuhörer sowieso längst gewonnen.

Die NDR Bigband mit ihrem Dirigenten und Arrangeur Jörg Achim Keller zauberte den passenden Rahmen, im engeren Sinne sind Dieter Ilg (Bass), Wolfgang Haffner (Schlagzeug) und Frank Chastenier (Klavier) die Begleiter von Thomas Quasthoff. Eine wunderbare, emphatische Alliance, „Secret love“ wird takteweise bis ins pianissimo heruntergedimmt. Ausgeprägte Dynamik prägt die Arrangements für Klassiker wie „I can’t stand the rain“, für „Stardust“ und „Moonglow“. Es gibt eine witzige A-cappella-Nummer, in der außer „Prost“ keine Silbe zu verstehen ist, natürlich beherrscht Thomas Quasthoff auch diese sogenannte „scat singing“, und nur einmal, bei John Lennons „Imagine“, da geht es ein bisschen zu dicht heran an den Kitsch. Es gibt kurze Momente, da lässt es der Künstler noch einmal richtig opernmäßig krachen, aber immer ist die Reflexion, die eindringliche Auseinandersetzung mit dem Liedgut spürbar. Hier wird nicht geknödelt.

Freunde sind das Wichtigste

Als Jazzer war er übrigens schon einmal in Lüneburg zu hören, 2005 im „Pons“, das war ein nicht öffentliches Konzert für Freunde, „ich weiß noch, es war irre heiß und proppevoll – aber es passten ja auch nur zwanzig Leute rein“.

Echte, zuverlässige Freunde, die sind dem contergangeschädigten Künstler, der wegen seiner Behinderung zunächst nicht Musik studieren durfte und einige Jahre im Marketingbereich der Kreissparkasse Hildesheim arbeitete, schon immer besonders wichtig gewesen. Der Tod des Bruders warf ihn fast aus der Bahn. „You are so beautiful to me“, singt Thomas Quasthoff als letztes Stück des (netto) rund zweistündigen Abends in Lüneburg. Da ist er dem Publikum noch einmal ganz nah, das mag so etwas wie eine Lebensbilanz sein. Jedenfalls war klar, dass es hier keine Zugabe geben kann.

Von Frank Füllgrabe