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Anne Andersson, Kunsthandwerkerin und AKL-Mitarbeiterin, arbeitet an einem Webstuhl, der wie ein Museumsstück wirkt. Foto: ff

Es muss richtig grooven

Garze. Es klingt wie ein rustikales Schlagzeug, wenn Anne Andersson das durch die Bahn sausende hölzerne Schiff rechts und links anschlagen lässt, dabei die vier Pedale tritt, die Mechanik auf- und abschwingt: Webstühle sind zugleich einfache und komplizierte Instrumente, es braucht viel Erfahrung, bis es wirklich groovt. Aber der Rhythmus ist natürlich nur ein Nebenprodukt – „ein Zeichen dafür, dass die Arbeit rund läuft und das Gewebe gut wird“, sagt Anne Andersson. Was dabei herauskommt, stellt sie ab Freitag auf „FormArt“ in der KulturBäckerei vor.

Es dauert eine Weile, bis der Webstuhl erklingen kann: Ein bis zwei Tage braucht Andersson, die filigrane Mechanik einzurichten – und das als Meisterin des Webehandwerks mit jahrzehntelanger Erfahrung. Allerdings sind die Stoffe, die hier entworfen und realisiert werden, in der Struktur auch recht komplex: Textilien für den Haushalt, die doch eigentlich viel zu schade sind, um als Badematte, Geschirrhandtuch oder Wischlappen eingesetzt, betreten, geknüllt und feste ausgewrungen zu werden, oder?

Immer Leinen, manchmal mit Baumwolle

Anne Andersson lacht, sie kennt den Einwand schon. „Elblinnen“ (also: Leinen von der Elbe) nennt sie ihr Format, das nobles Kunsthandwerk mit dem Praktischen verbindet: Was seine Karriere als vielbewundertes Tischlaken beginnt, kann durchaus später anderweitig verwendet werden, der Stoff ist ja belastbar. Grundlage ist immer Leinen, rein oder kombiniert mit Baumwolle in wechselnden Mischverhältnissen. Ist der Webstuhl erst einmal eingerichtet, dann benötigt die Meisterin noch ein bis zwei Stunden für die handlichen Formate.

Die Konzentration auf eher kleine Flächen hat künstlerische Gründe – aber auch recht prosaische Ursachen: In jenen Zeiten, als noch ein Mädchen und zwei Jungs in der Werkstatt ihr Spielzeug verteilten, da war die Mutter froh, etwas konzentriert in einem Arbeitsprozess herstellen zu können. Ein Phänomen, das auch anderswo auftaucht: Die Autorin Susanne Stephan, kürzlich Literatur-Stipendiatin im Heine-Haus, schrieb hauptsächlich Gedichte, als die Gören klein waren.

Funktionsprinzip ist seit Jahrhunderten das Gleiche

Anne Andersson stammt aus Nordfriesland, hatte schon als Teenager eine Faible für Textilkunst und wollte nach dem Abi Textilrestauratorin werden. Dafür allerdings musste erst ein Handwerk gelernt werden, also suchte und fand sie eine Ausbildungsstelle in einer Handweberei. Zur Prüfung gehört neben verschiedenen eigenen Arbeiten auch Theorie, „Bindungslehre“ beispielsweise, und das Berechnen des Aufwands, bevor die Produktion beginnt.

Die frisch zertifizierte Meisterin, die heute auch einen Lehrauftrag an der Fachhochschule Hamburg hat, blieb dabei. Vor rund zwanzig Jahren richtete sich Anne Andersson mit der Familie in einem ehemaligen Bauernhof in Garze ein – sie braucht ordentlich Platz, immerhin vier große Webstühle (und ein paar kleine für Testzwecke) füllen die Werkstatt. Das ist praktisch, weil dann einige zentrale Grundeinstellungen eingerichtet bleiben können. Die Webstühle selbst wirken mit ihren wuchtigen, zum Teil nur grob behauenen Balken, wie aus der Zeit gefallen – das Funktionsprinzip ist seit Jahrhunderten das Gleiche.

Von Frank Füllgrabe

„FormArt“ in der Kulturbäckerei startet am Freitag

Von der Skizze bis zum fertigen Exponat

Die vierte Kunsthandwerksausstellung „FormArt“ des Vereins Angewandte Kunst Lüneburg (AKL) in der KulturBäckerei wird am Freitag um 17 Uhr eröffnet und ist dann noch Sonnabend und Sonntag jeweils von 11 bis 18 Uhr geöffnet, der Eintritt ist frei. Begleitend zur Ausstellung sind auch die Ateliers der Kulturbäckerei geöffnet. Zu den insgesamt 29 Aussteller(inne)n zählen vor allem vertraute Namen aus der Region, dazu kommen Gäste, Schwerpunkte bilden die Bereiche Textil und Schmuck, dazu kommen – unter anderem – Holz, Keramik, Glas und Papier.

Ein weiterer Fokus liegt auf der Dokumentation des Herstellungsprozesses von der ersten Skizze bis zum fertigen Exponat. Die Suche nach der besten Lösung für ein Objekt, das zugleich praktisch, schön und materialgrecht ausfällt, kann, so ist das in der Kunst, über mehrere Umwege und Rückschläge erfolgen; Stichwort: „Verranntes und Verbohrtes“. Dazu kommt ein Beispiel für die Kombination zweier Gewerke. lz