Mittwoch , 26. September 2018
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Zum Fototermin war noch nicht alles fertig: Anna Myga Kasten kümmert sich um die Aufhängung ihrer Gebilde. Foto: ff

Fliegende Dinge wie Schiffe

Tosterglope. Angereist kam Anna Myga Kasten mit großen Stapeln Papier, mit Kleister, einer Tüte Wäscheklammern, mit Nägeln, Nadeln, Ösen, Schnüren und sonstigem Kleinkram. „Ein Baukasten“, sagt die Künstlerin. Jetzt schweben zwei riesige, mattrote Gebilde durch die Galerie, und sie sehen so gar nicht nach Baukasten aus, also massiv und schwer, sondern nach Drachen, Wolken, oder was sonst noch durch die Luft geistern mag. Die Installationen sind der Kern der Ausstellung „Fliegende Dinge wie Schiffe“, die morgen, Sonntag, im Kunstraum Tosterglope eröffnet wird.

Der Titel bezieht sich auf ein jahrtausendaltes Zitat, „da glaubten die Menschen, ein Ufo gesehen zu haben“, so Anna Myga Kasten. Etwas Unbekanntes, Unerklärliches also, und ähnlich hält es die Künstlerin mit ihren Arbeiten. Einen Bauplan für die Zusammensetzung der kleinen vorgefertigten Module gibt es nicht, das geschieht spontan, „es geht um Zufälligkeit, auch darum, Verantwortung abzugeben“, sie spricht von „einer Schnittmenge verschiedener Interpretationen“. Ein zentrales Kriterium: möglichst viel Raum mit dem Papier umschließen, die Statik muss bei den komplizierten Gebilden trotz ihrer Leichtigkeit mitspielen.

Die Innenwelten wirken wie Organe

Und so arbeitet sich Kasten Stück für Stück in den Raum hin–ein, schafft Objekte mit unendlich vielen Blickwinkeln, auch der Blick ins Innere ist dramatisch, die Innenwelten sehen aus wie Organe. Zwar soll nichts abgebildet werden, der Betrachter sucht trotzdem nach Vergleichen, aus einem Standpunkt heraus sieht so ein fliegendes Ding ziemlich genau wie ein (recht agressiver) Drache aus, mit ausgebreiteten Schwingen und geöffnetem Maul – oder sagt man bei diesen Wesen Schnauze?

Egal. In früheren Zeiten hat Anny Myga Kasten mit schwererem Zeug gearbeitet, mit Sandsäcken beispielsweise, und mit massivem Gummi, hat auch hier dem Zufall und der Eigendynamik des Materials eine Chance gegeben. Nun also luftiges Papier (die Wäscheklammern sollen die Klebeleisten fixieren), Farbpigmente in den Kleister gemischt. Das ist letztlich auch eine Frage der Praktikabilität und Mobilität, die in Hamburg und Berlin lebende Künstlerin hat eine ganze Reihe von Räumen im In- und Ausland bespielt, und es gilt: je größer, desto mehr Spaß macht es. Man könnte diese Gebilde auch von innen beleuchten, das aber kommt nur bei den ganz großen Arbeiten in Frage, sonst sieht es zu sehr nach Lampignon aus, also wieder konkret.

Kasten, 1977 im westfälischen Espelkamp geboren, studierte Kunst in Braunschweig, bekam Stipendien und arbeitet – zu gleichen Teilen – auch als Bühnenbildnerin, aktuell ist in der Kieler Oper ihre Arbeit für Wagners „Götterdämmerung“ zu bewundern, eine Co-Produktion mit Chiharu Shiota für eine inszenierung von Daniel Karasek. Das sieht dann alles etwas düster aus als dieses Fabelwesen in Tosterglope. Die Ausstellung wird abgerundet von Graphit-Zeichnungen, in denen ebenfalls das Spontane, Schnelle, Intuitive ausgebreitet wird. Es sind ausdrücklich keine Skizzen für die großen Objekte.

Die „fliegenden Dinge wie Schiffe“ sind noch bis Sonntag, 30. September, zu sehen; Finissage um 15 Uhr.

von Frank Füllgrabe