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Ende oder Anfrang? Die Besucher sind gefordert, um Lazarus herum eine Mauer zu errichten. Foto: t&w

Selfies mit gespiegelten Tönen

Lüneburg. „Ojeh, ich bin überhaupt nicht bibelfest“, flüstert eine Besucherin. Wie gut, dass es Handzettel gibt. Es geht um Lazarus, seinen Weg in die Unterwelt , die Konfrontation des bettelarmen Wanderers mit einem ehemals wohlhabenden Zeitgenossen. Aber selbst hier, wo doch alle Menschen gleich sein sollten, gibt es, heute würde man sagen: Klassenschranken. Diese Geschichte – oder besser: dieses Gleichnis – tanzte Gabriela Luque in der St. Michaeliskirche zu Orgelmusik, gespielt und teilweise auch komponiert von Daniel Stickan, ein Wandelkonzert im Rahmen des Lüneburger Orgelsommers.

Das Publikum sollte also in dem vom Gestühl freigeräumten Kirchenschiff unterwegs sein, dem Geschehen folgen, auch selbst mit Hand anlegen. Zunächst jedoch schnappte sich die recht große Besucherschar die Papp-Hocker, die in einer Ecke gestapelt waren – viele Gäste hatten sich wohl auf dem Mittelaltermarkt rund um die Kirche die Füße plattgelaufen. Dann aber wurden die Sitzgelegenheiten doch noch weggestellt, kam das Geschehen planmäßig in Fahrt.

Gleichnis aus dem Lukasevangelium

Wer war Lazarus? Da hilft die Bibel, aber Wikipedia ist übersichtlicher: Lazarus ist der Name zweier biblischer Gestalten. Lazarus von Bethanien wurde gemäß dem Johannesevangelium von Jesus von den Toten auferweckt und gilt in mehreren Kirchen als Heiliger. Zweitens: Der arme Lazarus kommt in einem von Jesus dargelegten, im Lukas-Evangelium erzählten Gleichnis vor. Um diese Fassung geht es.

Es bleibt ein „tiefer, unüberwindlicher Abgrund“ (Lukas 16,26). Eine Konstante des Daseins? Kernsätze von Gabriela Luque und Daniel Stickan: „Das Fremde fordert unseren Blick. Doch wir, moderne westliche Welt, erfinden das Selfie, und blicken auf uns, wie auch der reiche Mann sich in der Unterwelt beklagt: Lazarus möge doch kommen und ihm dienen und Linderung verschaffen.“

Die Musik wird zum Selfie, sie besteht in den Kompositionen ausschließlich aus Spiegelungen von hohen und tiefen Tönen, die der optischen Symmetrie der Orgelklaviatur entspringen: Passacaglia c-Moll von Bach, „Music in Contrary Motion“ von Philip Glass, sechs Studien „für den Pedalflügel“ von Robert Schumann, schließlich „Lazarus“ von Daniel Stickan, eine Uraufführung, vier Sätze: „Wiederkehrende Entzündungen“ – „Nachtgesang“ – „Megapixelselbstportraits“ – „Abrahams Schoß“. Dafür eilte der Komponist zwischen großer Orgel und Truhenorgel hin und her, Loops und gesampelte Klänge ermöglichten, gute Kondition vorausgesetzt, dass zeitweise beide Instrumente zugleich erklangen.

Patron der Totengräber

Gute Kondition brauchte auch Gabriela Luque für die knapp anderthalbstündige, weite Räume durchmessende Inszenierung, sie erobert die Kirche bis hinauf zur Kanzel, tanzte Szenen von Verzweiflung und Erschöpfung, vom Scheitern und vom Hoffen, balancierte auf einem Baumstamm und ließ sich vom Publikum einmauern, Ziegelsteine standen parat. Ist Lazarus gerade auf dem Weg durch das Tor in die Unterwelt? Er ist immerhin der Patron der Totengräber. Oder sind die Mauern symbolisch gemeint, als Gefängnis der Seele? Das ist nicht immer ganz klar, und das muss auch nicht, es geht schließlich um ein Gleichnis, um Auslegung. Die Tänzerin, nicht etwa im historischen Kostüm, sondern im grauen Business-Look, mag für den getrieben modernen Menschen stehen, der immer wieder an sich selbst scheitert, dann aber doch, es gibt Trost, eine Sonnenblume auf der Kanzel blühen lässt

In den Blickpunkt geriet dabei natürlich das Finale, die Uraufführung: eine facettenreiche, durch die Musikgeschichte führende Suite, die ebenso auf mächtige Dramatik setzt wie auf fein gezeichnete Bilder, es gibt sogar Passagen (für die Truhenorgel), die an die frühen Werke von Mike Oldfield erinnern. Eine Geschichte, die von der Unterwelt wieder ans Licht führt. Um dies zu spüren, musste man dann auch nicht bibelfest sein.

von Frank Füllgrabe