Mittwoch , 26. September 2018
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Werner Brix, ausstaffiert mit der Frisur von I Stangl. Foto: t&w

Mutter kann einfach nicht loslassen

Lüneburg. Endlich frei! Der Ehemann ist zum Teufel gejagt, das Kind hat gerade das Elternhaus verlassen – jetzt kann für die Mama das Leben beginnen. Muttern ka nn es noch gar nicht fassen, so viele Möglichkeiten, also was als erstes unternehmen? Aber der Lebensweg mit seinen diversen Abzweigungen war ja noch nie einfach zu gehen. Davon handelte ein Kabarett-Doppel-Abend, eine Nummernrevue mit Auftritten von Andrea Bongers und Werner Brix im Kulturforum Gut Wienebüttel.

Der Sohn – noch so klein und unerfahren!

Der Sohn also ist fort, er studiert nun. Aber mit 21 Jahren so ganz allein in die böse weite Welt hinaus? Das kann Andrea Bongers unmöglich zulassen, er ist doch noch so klein und unerfahren! Und dann die vielen wehmütigen Erinnerungen: „Wie viele Fünfen haben wir zusammen geschrieben…“ Natürlich will sie keine Helikopter-Mutter sein, aber Sohnemann bei der nächsten Studenten-Party Essen vorbeibringen, das muss schon sein, die Studis freuen sich doch!

Andrea Bongers, Jahrgang 1965, ist Schauspielerin, Musicaldarstellerin, Sängerin, Puppenspielerin; um Beziehung und Erziehung dreht sich ihre Show, mal mit Gitarre, mal mit Puppe, einem Lehrerkollegen beispielsweise, mit dem die vom Burnout Gezeichnete Erfahrungen austauscht: Schüler sind Psychomonster, neulich wieder hatte sie zwei Gören aus einer Veganer-Familie am Hals, es gab Stress, nur weil sie in der Pause ein Leberwurstbrot gegessen hat. Fest steht: Das nächste Kind hat Fell, Hunde sind pflegeleichter.

Brix‘ Kabarett-Spektakel

Dass es zur Not auch ohne Nachwuchs geht, das sieht Werner Brix genauso. Zu blöd, dass er diese Medizinstudentin geheiratet hat, die jetzt unbedingt die letzten Seminare absolvieren will und er nun die Blagen an den Hacken hat. Dabei müsste er sich doch um seine Künstler-Karriere kümmern. Die begann für den 1964 in Wien Geborenen, der zunächst Nachrichtentechnik studierte und in der Industrie arbeitete, im Jahre 1987 als freiberuflicher Schauspieler und Regisseur. Von 1991 bis 1993 übernahm er die Leitung der Kabarett- und Kleinkunstbühne „Spektakel“. Wenig später trat er mit seinem ersten Soloprogramm im Kabarett Niedermair in Wien auf, es folgten neun weitere Soli.

Aus diesen vielen Kabarett-Jahren hatte Brix nun ein Best-of – Titel: „Zuckerl“ – zusammengestellt, die Nummer mit dem Anrufbeantworter beispielsweise, eine Erinnerung an den Betreiber des Kabarett-Cafés Niedermair: Der legendäre I Stangl war ein echter Choleriker vor dem Herrn. Kein Wunder also, dass es ihn seinerzeit zur Verweiflung trieb, das Telefon-Tonband mit dem neuen Programm besprechen zu müssen – in einem Atemzug wohlgemerkt, es gab noch keine digitale Pausentaste. Das klappte natürlich nicht, weshalb Stangl von einem zum anderen Versuch immer hektischer wird, bei „Wir flicken den Weihnachtsmann“ das l vergisst und verzweifelt aufgibt. Da fällt einem automatisch Loriot ein, wir erinnern uns an die Filmaufnahmen mit dem stammelnden Lottogewinner Erwin Lindemann, der nach der sechsten Klappe mit dem Papst eine Boutique eröffnen will.

von Frank Füllgrabe