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Mahlzeit! Die Familie ist beisammen, aber dass Papa (Michael Prelle, rechts) mit seinen 62 Jahren eine weit jüngere „Neue“ hat und heiraten will, das geht gar nicht. Das finden zumindest seine Söhne. Foto: Oliver Fantitsch

Wer versteht schon die Biochemie der Liebe?

Hamburg. Papa hat etwas Wichtiges mitzuteilen. Strahlemann-Sohn Cyril reist mit schwangerer Fanny an. Auch Griesgram-Sohn Axel, der ein Kunstdiplom hat und nich t mal den Job als Erschrecker in der Geisterbahn bekommt. Papa will wird wieder heiraten, zwei Jahre nach dem Tod seiner Frau. Und Mado, die Neue, ist weit, weit jünger. Nicht nur das: Papa wird mit seinen 62 Jahren noch einmal Papa. Cyril und Axel, eigentlich ja immer superlocker drauf, sind platt. Die anstehenden Verwicklungen dröselt Eric Assous in seiner Komödie „Die Neue“ auf. Die deutsche Erstaufführung im St. Pauli Theater klappt, das Publikum hat Spaß und nicht nur den.

Aus Frankreich regnet es spätestens seit Yasmina Rezas „Kunst“ jede Menge Gesellschaftskomödien. Immer geraten in ihnen die Koordinaten sich besser wähnender saturierter Bürger aus dem Lot. Zumindest vorübergehend. Es sind in Eric Assous‘ Stück die Jungen, die zu Spießern werden. Dabei geht es ihnen nicht ums möglicherweise wegflutschende Erbe. Nein, sie finden es peinlich, unangebracht, schockierend, dass ihr Vater auf seine alten Jahre den Ruhezustand verlässt und die Bude neu streicht.

Alte Männer und junge Frauen

Assous setzt auf Tempo und pointierte Dialoge. Die haben es durchaus in sich, drehen ins Bitterböse und Verletzende. Keine Wunde, in der sich nicht herumstochern lässt. Dabei greift Assous ja nur auf, was längst gang und lebe ist: alternde Männer, die bei jungen Frauen landen. Macht Macht sexy? Bei Münteferings etwa (40 Jahre Unterschied) oder bei Schröders (26 Jahre), bei Trumps (24 Jahre)? Seltener läuft das Modell andersherum, etwa bei den Macrons, wo sie 25 Jahre mehr gelebt hat.

Papa Simon ist einen Kopf kleiner als die schöne Ärztin Mado, die sich in die Wortgefechte von Vater und Söhnen nicht reinhängt, aber zurückschlägt, wenn sie attackiert wird. Es wird zwar nicht wirklich klar, warum sie den wohlhabenden Autohändler heiraten will. Simon trägt Wohlstandsspeck und – aua! – Goldkettchen. Aber wer versteht schon die Biochemie der Liebe?

Nichts ist von Bestand

Ulrich Waller gibt dem Stück Drive und Biss, in gut 90 Minuten werden die Verhältnisse mehrfach auf den Kopf gestellt. Zum Glück sind nicht alle Wirrungen vorhersehbar. Deutlich wird, dass der Mensch sich seine Moral und Prinzipien immer passend zu seiner aktuellen Situation zusammenleimt. Nichts ist von Bestand, auf nichts Verlass.

Michael Prelle, ein Meister in Timing und Mimik, spielt den Simon, das allein lohnt den Abend. Prelle entwickelt mit Waller einen glaubwürdigen Typ zwischen Aufbrausen und latenter Überforderung. Auch die anderen Charaktere formt Waller gut aus, nur bei Axels Wandlung vom Bärbeiß zum Honigbär überzieht er. Holger Dexne spielt den Kontrast aber mit Genuss aus. Johanna Christine Gehlen (Mado), Martin Wolf (Cyril) und Angelika Häntsch (Fanny) komplettieren spielfreudig ein Team, das viel Beifall kassiert. „Die Neue“ wird sich auf Spielplänen der Republik wiederfinden.

Von Hans-Martin Koch