Aktuell
Home | Kultur Lokal | Ein Kämpfer gegen den Hass
Ostpreußisches Landesmuseum
Grauenhaftes von unvorstellbarem Ausmaß musste Michael Wieck aushalten. Jetzt ist er 90 Jahre alt und wirbt weiter für Menschlichkeit. (Foto: t&w)

Ein Kämpfer gegen den Hass

Lüneburg. Was rettet die Seele eines Menschen, der so viel Grausamkeit erlebt hat? Schlimmer kann es einen Menschen kaum treffen als Michael Wieck, der in Königsberg schwer unter zwei Diktaturen leiden musste. Jetzt zählt er 90 Jahre und kämpft unermüdlich für Frieden auf der Welt, nun als Gast im Ostpreußischen Landesmuseum.

Wieck wurde mit 13 Jahren als „Geltungsjude“ von den Nazis von der Schule geschmissen, er musste den gelben Stern tragen und Zwangsarbeit verrichten. Wieck überstand 1944 die vollständige Vernichtung der Stadt durch britische Bomber. Als die Sowjets die Stadt übernahmen, sahen sie in Michael Wieck nicht ein Opfer, sondern einen verhassten Deutschen, steckten den Jugendlichen ins Lager Rothenstein, in dem er vor Leichenbergen Verhungerter und zu Tode Gefolteter stand. „Ich musste als 16-Jähriger von den Sowjets Ermordete verscharren“, sagt er. „Ich werde die Bilder nie vergessen.“

Musik hilft beim Ausblenden

Ein Weg, das Grauen wenigstens zeitweise auszublenden, ist die Musik. Wiecks Eltern waren mit dem Königsberger Streichquartett erfolgreich, auch der Sohn wurde Musiker, unter anderem als erster Geiger im RIAS Sinfonie-Orchester und im Radio-Symphonie-Orchester Stuttgart. Seine Geschichte aber ließ ihn nie los. Im Unterschied zu vielen anderen ging Wieck mit ihr offensiv um – für ihn ein Weg, das Unverarbeitbare in eine lebbare Form zu gießen.

Michael Wieck schrieb über sein Leben Bücher, er hält nach wie vor Vorträge und hat eine Mission. „Ich habe sehr früh begriffen, dass der Mensch zu allem fähig ist“, sagt er. Der Mensch sei „immer gefährlicher und gefährdeter, als es sich in Friedenszeiten Aufgewachsene vorstellen können.“ Die „Sterbestunde“ Königsbergs habe 1933 mit der Wahl Hitlers begonnen, sagt er, und dass Hass nur neuen Hass erzeugt. Er hat es doppelt erlitten und besitzt die Kraft zu sagen, dass nur die Liebe den Hass besiegen kann. Das klingt naiv und ist doch so wahr wie fern der Realität, ebenso seine Utopie eines überkonfessionellen Weltnationenstaats.

Kritik an Roter Armee nicht erwünscht

Mit Wieck kam Dr. Klaus Harer vom Deutschen Kulturforum östliches Europa. Harer half, eine russische Ausgabe von Wiecks „Zeugnis vom Untergang Königsbergs“ herauszubringen. Auch das kam lange nicht gut an in der neuen sowjetischen Welt, Kritik an der Roten Armee war nicht erwünscht. Abbringen von seinem Kampf für eine friedlichere Welt konnten solche Reaktionen Michael Wieck nicht. „Seid auf der Hut!“ appelliert der überaus beeindruckende Mann, was sicher in besonderer Weise für junge Menschen gilt. Ein Geschichtsleistungskurs des Gymnasiums Oedeme hörte zu. Am Ende zitiert Michael Wieck einen Karl Kraus zugeschriebenen Satz: „Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf“.

Von Hans-Martin Koch