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Júlia Cortés ist die Schöne, die mit dem Biest tanzt. Foto: Theater/Tamme

Man kann nicht nur Blockbuster spielen

Lüneburg. Wann beginnt die Theatersaison? Natürlich mit der ersten Premiere im großen Haus, also mit „La Bohème“ am 22. September. Tatsächlich aber beginnt die neue Spielzeit des Theaters gleich mehrfach, und sie hat ja schon begonnen, denn das Meisterkonzert Nummer eins ist verklungen. Als erste Wiederaufnahme kehrte außerdem „The Black Rider“ schon zurück und kassierte wieder pure Begeisterung. Am Sonnabend startete die Spielzeit erneut, da tanzte das Ballett ein Märchen: „Die Schöne und das Biest“. Was das Theater sonst bewegt, darüber spricht Intendant Hajo Fouquet.

Die schlechte Nachricht: Es gibt nichts Neues von den Verhandlungen mit dem Land über die Theaterzukunft. „Das Ministerium rührt sich zurzeit nicht. Wir bekommen keine aktuelle Information, was wir sehr bedauern“, sagt Fouquet. Im Bedauern schwingt, wenn nicht Ärger, so doch Enttäuschung mit. Denn die sechs kommunalen Bühnen in Niedersachsen kämpfen alle mit einer zunehmend dramatischen Finanznot, aufgestaut in vielen Jahren.

Die unendliche Geschichte mit dem Geld

Der Koalitionsvertrag von SPD und CDU verhieß den Bühnen ein Aufstocken des Sockelbetrags. Zusicherungen, aber nur mündlich, gab es laut Fouquet über sechs Millionen Euro, die auf die kommunalen Bühnen verteilt würden, für Lüneburg könnten im positiven Fall 800.000 Euro fließen. Dann passierte – nichts. In den Haushaltsberatungen der Landesregierung tauchte die avisierte Förderung nicht auf. Wo das Geld herkommen könnte, ist offen. Vielleicht noch einmal über die sogenannte „politische Liste“, das ist Geld, das über die Abgeordneten verteilt wird.

Also: Die Sorgen sind groß, das Defizit wächst mittelfristig ins existenziell Bedrohliche. Und: „Wir müssen bis 31. Dezember einen neuen Vertrag unterschreiben“, sagt Hajo Fouquet. Einen aktuellen Termin für Verhandlungen mit dem Land kann der Intendant nicht nennen, es gibt ihn nicht.

Die Sache mit den guten Zahlen

In Sachen Zahlen können Fouquet und Verwaltungsdirektor Volker Degen-Feldmann exzellente Zahlen vorlegen. Die Platzauslastung liegt in der deutschen Spitzengruppe, die Einnahmen stiegen auf 1,9 Millionen Euro. Wurde beim Antritt von Degen/Fouquet mit 90.000 Besuchern kalkuliert, sind es nun 100.000.

Ob die Sechsstelligkeit wieder erreicht wird? Das Programm ist anspruchsvoll, doch Fouquet baut darauf, dass sich das Theater als Marke verkauft, sodass Theaterfreunde sagen: „Das kenne ich zwar nicht, gehe aber trotzdem hin.“ Nur Blockbuster spielen, das verbietet sich für ein öffentliches Theater. Es muss auch unbequem sein und Risiken eingehen.

Das passiert in allen Bereichen. Das Musiktheater startet zwar mit einer der ganz großen italienischen Opern, gesungen auf Italienisch. Bei „La Bohème“ wird neben dem häufigen Gast Christian Oldenburg ein weiterer zu hören sein: Guillermo Valdés als Rodolfo. Er wird sich die Termine mit Karl Schneider teilen. Die Premiere ist ausverkauft.

Spannend ist immer das Ungewöhnliche

Es werden einige ungewöhnliche Produktionen vorbereitet. Zum Beispiel „Jephta“. Das Oratorium von Georg Friedrich Händel handelt von Macht, Unterdrückung und der Frage: Welche Opfer kann ein Mensch für welche Ziele aufbringen? „Jephta“ wird in der Michaeliskirche aufgeführt, Henning Voss dirigiert, Friedrich von Mansberg richtet die Aufführung halbszenisch ein.

Eine weitere große Herausforderung packt Generalmusikdirektor Thomas Dorsch an. „Der Rosenkavalier“ von Richard Strauss verlangt eigentlich ein Orchester von knapp 100 Musikern. Dorsch ist nun dabei, eine Fassung für kleines Orchester zu schreiben, die der Oper dennoch gerecht wird. „Die Klangwirkung soll dem Original entsprechen“, sagt Fouquet. Das Ergebnis wird am 9. März zu begutachten sein – und die „Roten Rosen“ werden sich auch mit dem „Kavalier“ befassen.

Rache, Hybris, Verrat, Lüge und Gewalt

Mutig ist der Spielplan des Schauspiels, das mit den „Nibelungen“ gleich ein Werk vorlegt, bei dem das ganze Team gefordert ist. Regisseur Martin Pfaff hat oft gezeigt, dass er auch für schwere Stoffe packende gegenwärtige Konzepte findet. „Wir wollen spannende, wichtige Themen aufgreifen“, sagt Hajo Fouquet. Wie Rache, Hybris, Verrat, Lüge und Gewalt in eine alles erschütternde Katastrophe münden können, wird bei den „Nibelungen“ deutlich.

Einen großen Stoff geht auch das Ballett an, Thomas Manns „Zauberberg“ ab 19. Januar. Den Roman fürs Ballett zu bändigen, ist zweifellos eine Herausforderung – eine für Olaf Schmidt und seine mit zwei Neuen besetzte Compagnie.

Von Hans-Martin Koch