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Liebe überwindet alle Gegensätze, auch das Ungeheuer (Wallace Jones) bekommt bei Belle (Júlia Cortés) eine Chance. Foto: tonwert21.de

Da hatte der junge Prinz eine sehr schlechte Idee

Lüneburg. Die alte, schäbig gekleidete Frau, die bei einem aufziehenden Unwetter in einem Schloss Schutz sucht, erhält eine rüde Abführ: Der Hausherr feiert ger ade mit seinen Kumpels und wirft die Dame, Regen hin oder her, einfach hinaus und macht sich auch noch über die Rose lustig, die er als Gastgeschenk erhalten sollte. Das allerdings war eine sehr, sehr schlechte Idee – erstens, weil man generell so nicht mit Senioren umgeht, und zweitens: Die alte Lady ist eine Hexe, sie verwandelt den jungen Prinzen in ein Ungeheuer, vor dem sich sogar die Wölfe fürchten. Dumm gelaufen.

Das Monster mit der menschlichen Seele hat nur eine Chance: Es muss die Liebe einer Frau gewinnen, die es auch liebt, und das, bevor die Rose verblüht – ein berühmtes Motiv: „Die Schöne und das Biest“, La Belle et la Bête, ein französisches Märchen, später ein Walt-Disney-Film, ein Musical und ein Spielfilm. Lüneburgs Ballett-Chef Olaf Schmidt inszenierte die Geschichte nun als Tanzstück, konzipiert für Zuschauer ab fünf Jahren, und das mit Erfolg: demonstrativ langer Premieren-Applaus im natürlich ausverkauften T3.

Irrungen, Wirrungen und Wandlungen

Während das Märchen die Schöne in den Mittelpunkt stellt, die in ihrer Liebe zur Familie und zu dem einsamen Ungeheuer hin- und hergerissen wird, liegt der Schwerpunkt bei den Adaptionen, auch hier, bei dem Biest, bei seinen Irrungen, Wirrungen und Wandlungen. Júlia Cortés tanzt die Rolle der Belle, als Prinz beziehungsweise Monster sind Wallace Jones und Pau Pérez Pique ihre Partner. Sie werden in diversen Rollen begleitet von Claudia Rietschel, Sarah Altherr, Francesc Fernández Marsal, Phong LeTanh, Rhea Gubler, Gabriela Luque und Wout Geers.

Olaf Schmidt erzählt ein romantisches Märchen mit modernen Versatzstücken, das Bühnenbild teilt sich in zwei Welten. Rechts das düstere Schloss, in dem sich der Hausherr auch noch mit durchgedrehten (ebenfalls verzauberten) Möbeln herumschlagen muss: Kronleuchter, Waschzuber und Standuhr tanzen einen verrückten Reigen, das erinnert ein wenig an den „Zauberlehrling“ von Goethe. Links das biedere Wirtschaftswunder-Wohnzimmer, in dem die brave Belle staubsaugt, während der Papa sein Glück als Kaufmann in der freien Wirtschaft versucht und die eitlen Schwestern daheim in Kaufhauskatalogen schmökern. Aber ach, es kommt zum Börsencrash, der Dollar stürzt, Vater geht pleite, der Paketdienst kann nicht mehr bezahlt werden, all die bunten Kleider und Kettchen müssen zurückgegeben werden; die arme Belle übernimmt nun die Verantwortung.

Schwelgerische Sehnsucht und melancholische Schönheit

Dieser Stilmix funktioniert ohne Brüche im fließenden Übergang, und die Geschichte ist ja sowieso klar. Olaf Schmidt wählte Musik von Eric Satie, Claude Debussy, Maurice Ravel und Darius Milhaud, verweist damit auf die französische Herkunft des Märchens, und sorgt für eine Stunde von schwelgerischer Sehnsucht und melancholischer Schönheit, von reiner Liebe, von Grausamkeit und maßloser Arroganz – aber es gibt, und das ist die Botschaft, für jeden eine zweite Chance. Das Ensemble braucht keine zweite Chance, es bringt all die Verwicklungen und Intrigen mit Empathie und knackiger Präzision auf die Bühne, das hält auch Kinder bei der Stange, deren Aufmerksamkeit mitunter schnell nachlässt.

„Das war aber schön!“, schwärmte ein kleines Mädchen. Der Rest des Publikums, im Schnitt deutlich älter, sah das genauso.

Von Frank Füllgrabe