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Markus John trägt den Test von Herman Melville vor, Blechbläser illustrieren den Inhalt.

Ein Mann verschwindet

Lüneburg. „Ich möchte lieber nicht. Nicht. Nicht. Nicht.“ Singt der Mädchenchor Hannover, sanft zunächst, beinahe vorsichtig, entschuldigend, aber mit jeder Wie derholung wird die Aussage sicherer, nachdrücklicher, energischer, pointierter vorgetragen. Auch Bartleby, der als stiller, genügsamer Kopierer in eine Anwaltskanzlei an der New Yorker Wall Street gekommen ist, sagt kurz nach seiner Einstellung: „Ich möchte lieber nicht.“ Nicht mehr schreiben, nicht zum Postamt gehen, nicht dem Kollegen Bescheid geben. Herman Melvilles „Bartleby“ war Thema einer aufwendigen Produktion, die zu Gast im Kulturforum war.

Am liebsten steht Bartleby am Fenster und starrt die gegenüberliegende Ziegelwand an. Sein Chef, der Anwalt, weiß nicht, wie er mit dem Verweigerer umgehen soll, er will ein Machtwort sprechen und schafft es nicht, er will Bartleby rausschmeißen und lässt es sein, bietet ihm sogar an, in sein Haus zu ziehen. „Im Augenblick möchte ich mich lieber überhaupt nicht verändern“, antwortet Bartleby, der in einem abgetrennten Bereich ein neues Zuhause gefunden hat.

Als inszeniertes Musiktheater „Beziehungslos Bartleby“ wurde das Stück im Rahmen des Literaturfestes Niedersachsens und der Niedersächsischen Musiktage präsentiert. In die Rolle des nachsichtigen, mitfühlenden und gänzlich überforderten Anwalts war Markus John geschlüpft, der viel Stimmigkeit und Glaubwürdigkeit vermittelte. Der Anwalt empfindet Mitleid mit dem zusehends ausgemergelten Bartleby, hadert und besucht seinen ehemaligen Angestellten später sogar im Gefängnis.

Bartleby hungert sich zu Tode

Das Ensemble Schwerpunkt gab mit seinen Blasinstrumenten dieser inneren Unruhe und Unsicherheit und ebenso Bartlebys Zerrissenheit und Verzweiflung Ausdruck – mit Dissonanzen, Abweichungen: wenig Mit-, viel Gegeneinander. So war das Publikum gefangen in der Vereinsamung Bartlebys, den Marotten der drei weiteren Schreiber der Kanzlei, der Ratlosigkeit des Anwalts. Bis hin zum Abgesang, denn letztlich hungert Bartleby sich zu Tode.

Man fragt sich unweigerlich: Wer hat dieses Schicksal, das wohl selbst erwählt ist, zu verantworten? Hätte man es aufhalten können, sollen? Hat Bartlebys frühere Arbeit im Büro der unzustellbaren Briefe damit zu tun? War Bartlebys armseliges Leben Schicksal, Vorsehung oder einfach nur Pech?

Herman Melville brachte den Stoff 1853 unter dem Titel „Bartleby der Schreiber“ heraus, nachdem er zuvor mit „Moby Dick“ einen Welterfolg hatte feiern können. Die Konzeption und Regie bei der jüngsten Aufführung haben Volker Bürger und Stefan Wiefel übernommen, die musikalische Leitung hatten Prof. Gudrun Schröfel und Prof. Andreas Felber. Gesponsert wurde das Musiktheater durch die Sparkasse und die VGH und ihre jeweiligen Stiftungen.

Von Silke Elsermann