Aktuell
Home | Kultur Lokal | Hauptsache, es macht Spaß
Alex (Nadja Scheiwiller) zweifelt an sich und bekommt von der alten Tanzlehrerin Hanna (Gitte Haenning) Mut zugesprochen. (Foto: Wendt)

Hauptsache, es macht Spaß

Hamburg. Tags schweißen, nachts tanzen. Das eine fürs Brot, das andere fürs Leben. Alex ist 18, sie will mehr, nichts als tanzen, und dass sie es schafft, ist s eit 1983 bekannt. „Flashdance“ ist ein Nichts von einem Film mit simpler Botschaft, stieg zum Welthit auf samt Oscar für den Song, der den Soundtrack krönt: „What A Feeling“. Das Mutmach-Gefühl, das „Yes, you can“, die Power und Energie locken noch 35 Jahre später. „Flash­dance“, seit 2008 auf der Musicalbühne, tanzt in neuer Produktion über die Bühne und holt dank eines begeisternden Teams und starker visueller Ideen das Premierenpublikum im Mehr! Theater von den Sitzen.

Das eigentlich Spannende an dieser Produktion ist, dass sich mit 2Entertain ein neuer Player in den eng gestrickten Musicalmarkt wirft. Das ausgerechnet in Hamburg, wo Stage Entertainment als Platzhirsch gleich vier große Häuer bespielt. Die Musicalszene tickt nervöser als vor Jahren, die Laufzeiten der Produktionen schrumpfen – als Hamburger Ausnahme brüllt und brüllt der „König der Löwen“. Aber Cindy Laupers „Kinky Boots“ werden im September ausgezogen, „Aladdin“ läuft aus, als nächstes sollen es „Ghost“, „Tina Turner“ und das erste Cirque-Soleil-Musical „Paramour“ richten. Die Stage wurde zudem gerade an den US-Medienkonzern Advance Publication verkauft; der bringt keine Musical-Erfahrung ein.

2Entertain kommt aus Schweden und startet in Hamburg eine schlank geführte deutsche Dependance. Mit „Flashdance“ zielt 2Entertain gleich aufs Ganze und Große. Die Produktion lief in Schweden, vieles aber wurde für Hamburg neu gefasst. Dann kam das Pech. Hauptdarstellerin Hanna Leser verletzte sich. Nadja Scheiwiller sprang auf die Pole Position. Sie kennt die Rolle, mag nicht die eleganteste Tänzerin sein, aber ihr Temperament, ihre Wut und ihr Mut als Alex reißen mit, und als sie im entscheidenden Tanzmoment artistisch loslegt, explodiert sie förmlich.

Die Bühne lebt vom Licht und von Projektionen, die Stadt und Fabrik, Bar und Tanzsaal zeigen und gleitende Wechsel der Spielorte ermöglichen. Das klappt nicht immer, aber in der Regel schon.

Clou der Produktion ist das Engagement von Gitte Haenning. Sie spielt punktgenau und mit lakonischem Humor die im Musical deutlich aufgewertete Rolle der gebrechlich gewordenen Tanzlehrerin Hannah. Noch eine ragt aus dem Ensemble heraus: Ann Sophie Dürrmeyer feiert als Gloria ein spätes, aber starkes Comeback nach ihrem Null-Punkte-Flop beim Eurovision Song Contest 2015. Als Gloria verkörpert sie das Klischee der verkoksten Tänzerin, aber unsere Alex wird sie retten. Klischees gibt es zuhauf in „Flashdance“ einschließlich der verknirschten Sozialkritik, die sich um Fabrikchef Nick rankt, ihn spielt das Kraftpaket Sasha di Capri.

Die Tanzszenen könnten mutiger sein, der Sound besser gemixt, aber was soll‘s? Die Band rockt, es wird super gesungen, „Flashdance“ macht 80er-Jahre-Spaß, und mehr als „What A Feeling“-Feeling soll es gar nicht transportieren. Das klappt.

2Entertain setzt erst gar nicht auf lange Laufzeit, lieber auf eine lange Tour. Sie führt unter anderem nach Berlin (12. bis 23. Dezember) und Hannover (8. bis 10. März).

Von Hans-Martin Koch