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Ein Paar in Streit und Liebe: Musetta (Franka Kraneis) baggert im Café ihren beleidigten Freund Marcello (Christian Oldenburg) an. Foto: t&w

Besser geht‘s eigentlich nicht

Lüneburg. Was für ein Abend! Er beginnt mit einem Missverständnis und steigert sich zum Besten, was der Saisonstart in neun Jahren Intendanz von Hajo Fouquet zu bieten hatte. Puccinis „La Bohème“ wird so manchesmal in Melancholie und Schwulst ertränkt. Hier aber kommt die Oper jung, schlank, rasant, witzig, überraschend und an den Kernstellen umso ergreifender daher. Regisseur Hajo Fouquet, Thomas Dorsch als musikalischer Leiter, Ausstatter Stefan Rieckhoff, Co-Regisseur Oliver Hennes und alle legen einen bezwingenden Abend hin. Das Publikum im Theater Lüneburg ist immer schnell begeistert. An diesem Abend konnte es gar nicht anders sein.

Trotzdem – das Missverständnis. Der Vorhang geht auf: ein eingefrorenes Bild, kein Ton. Ein starkes Bild, kurz wie ein Gedankenblitz. „Bohème“-Kenner sehen: Das ist das Ende, auf das alles im bunten Leben zuläuft. Kaum erkannt, rauscht der Vorhang schon wieder zu. Stille. Einige im Saal lachen, gab es da eine Panne? Dann erlöst die Musik, Vorhang auf und hinein ins pralle Leben!

Die Wohngemeinschaft der brotlosen jungen Künstler ist auf einem Podest untergebracht und feiert über Tisch und Stühle. Draußen schneit und weihnachtet es, immer wieder schleppen im Hintergrund Menschen ihren Weihnachtsbaum nach Haus. Das hat Witz. Die Jungs in der WG quält aber Hunger und sie frieren. Na und?! Sie machen trotzdem Party.

Figuren besitzen klare Konturen

Fouquet/Rieckhoff machen die „Bohème“ zu einem Stück von heute. Alle tragen Alltagskleidung und was immer auf Italienisch gesungen wird, es wirkt selbstverständlich. Die Figuren besitzen klare Konturen und Charaktere, ihr Verhalten zueinander ist schlüssig. Der von den Symphonikern produzierte Puccini-Sound kommt transparent und melodisch empfindsam daher, mit vielen impressionistischen und solistischen Tupfern. Feinschliff verwandelt sich in Kunst. Aber wenn Puccini es in großen Ensembles krachen lässt, dann wird bis kurz vorm Klingeln der Ohren an Donner und Gloria nicht gespart.

Fouquet/Rieckhoff nehmen auch die Rolle der Musetta in den Fokus. Natürlich nach Rodolfo, den Guillermo Valdés mitreißend und mit natürlichem Schwung der Stimme singt. Und nach der durchaus listenreich gezeigten Mimi, in deren Partie Signe Ravn Heiberg alle emotionalen Höhen und Tiefen mustergültig durchläuft.

Musetta, das ist so locker wie präsent Franka Kraneis. Musetta ist die Frau, die Männer melkt. Sie liebt zwar den armen Maler Marcello, der von Christian Oldenburg jede Menge Temperament in Spiel und Stimme bekommt. Aber Musetta liebt auch das Geld, das sie reichen Knackern aus der Hose zieht. Sie schneit überbrezelt in Glitzerkleid und Leopardenmantel ins trubelige Café und hat so einen Geldesel im Schlepptau, Steffen Neutze zeigt ihn als naiven Tor.

Es fehlt nur das blinkende Herzchen

Musetta aber wird am Ende Handelnde sein und allen voran der todkranken Mimi beistehen. Vorher noch verblüfft das dritte Bild der Produktion. Da steht früh am kalten Morgen tatsächlich ein schedderiger Wohnwagen in grenzwertem Gelände – es fehlt nur das blinkende Herzchen. Musetta kommt heraus, wirkt besuchsbereit, aber stattdessen spitzt sich die Mimi-Tragödie zu. Rodolfo verlässt Mimi aus Scham und auch aus einem gehörigen Stück Feigheit, der Sterbenskranken nicht helfen zu können. Was bleibt, ist der Weg zum ersten eingefrorenen Bild, das Tod, Schmerz, Verzeihen und Herzenswäre vereint.

Großartige Einzelleistungen leuchten aus dem runden Ganzen heraus. Ulrich Kratz etwa mit all seiner Power als WG-Oldie Schaunard, der immer was zu essen und trinken auftreibt. Milcho Borovinov mit großem Stimmvolumen als zurückhaltender Philosophenkopf Colline. Viele Abrunder gehören dazu: Wlodzimierz Wrobel ist immer eine Bank, diesmal sorgt er als Vermieter für Komik und Alexander Tremmel als Spielzeugverkäufer Parpignol für Weihnachtsfarbe.

So schlank die Geschichte geführt wird, so besitzt sie doch Fülle. Daran haben Haus-, Extra- und Kinderchor großen Anteil – Phillip Barczewski arbeitete mit den großen, Anna Schwemmer mit den kleinen Sängern. Noch so ein Detail, ein freches: Darin schiebt Juha-Pekka Mitjonen als Grenzwache einen Mann aus dem Bild, der seinen Harndrang nicht unter Kontrolle halten kann. Das ist wie nebenbei inszeniert und darum passend, was für den ganzen gegenwärtigen Abend gilt. Diese „Bohème“ ist auch etwas für Menschen, die mit Oper nichts am Hut haben.

Von Hans-Martin Koch

Fouquet spricht Klartext

Der Kragen platzt

Hajo Fouquet ist ein bedächtiger Mann. Er wägt die Worte, sucht stets den Ausgleich. Nun platzt ihm der Kragen. Als er den Protest vorstellt, den die kommunalen Theater Niedersachsens an das Ministerium für Wissenschaft und Kultur richten, wird Fouquet emotional. Er stellt den Aufruf vor, der vom Theater Göttingen ausging („#Rette dein Theater – Keine Kulturwüste in Niedersachsen“) und macht leidenschaftlich deutlich, wie sehr Theater nötig sind, um Freiheit und Pluralität in Deutschland zu erhalten. Fouquet verbindet das mit dem Appell, für eine stabilisierende Finanzierung des zunehmend gefährdeten Theaters zu kämpfen – mit Unterschriften, Briefen und der Teilnahme an einer Demonstration am 24. Oktober vor dem Landtag. Ein Bus steht bereit.

Kommentar

Der Minister schweigt

Hans-Martin Koch. oc@landeszeitung.de

Die sechs kommunalen Theater in Niedersachsen finden kein Gehör bei ihrem Minister. Der Koalitionsvertrag von SPD und CDU mit der Zusage nach stabilerer Theaterförderung scheint so viel wert zu sein wie das Manuskript, das Rodolfo in „La Bohème“ verbrennt, um etwas Wärme in die Bude zu bekommen. Die kommunalen Theater befürchten, dass bei ihnen bald der Ofen aus ist. In – überwiegend weit klammeren – Nachbarländern stärkten die Landesregierungen den rissigen Sockel der Theater. In Niedersachsen herrscht zurzeit Funkstille. Die Theater organisieren Protest.

Sie fühlen sich verraten, da es bei einem Gespräch im Ministerium die Zusage gegeben habe, die Haushalte der Bühnen zwischen Göttingen, Lüneburg und Osnabrück mit einem Plus von sechs Millionen Euro zu sanieren. Im Haushaltsentwurf stehen davon null Euro. Eine Erklärung für das Nichthandeln erfolgte nicht. Einen Gesprächstermin gibt es ebenfalls nicht, auch nicht über den zum Jahresende auslaufenden Grundsatzvertrag zwischen dem Land und den Gesellschaftern des Theaters Lüneburg. Die Gesellschafter, das sind Stadt und Landkreis Lüneburg.

Sollte das Land seinen Grundbetrag doch noch anheben, könnten für Lüneburg daraus rund 800 000 Euro zusätzlich fließen – genug zum Überleben, genug. um die drohende Pleite abzuwenden. Dass Stadt und Kreis vom Land in die Pflicht genommen werden könnten, einen steigenden Förderbetrag nach dem 50:50-Prinzip mitzufinanzieren, dürfte in Stadtrat und Kreistag möglicherweise eine konträre Debatte auslösen.

Es gibt eine prima Gelegenheit für Minister Björn Thümler, Aufklärung zu gewähren. Am kommenden Sonntag, 30. September, hat er Zeit, im Fürstensaal einen Festvortrag bei der Carl-Schirren-Gesellschaft zu halten. Sein Thema: „Sammeln – Erforschen – Bewahren – Vermitteln“. Genau das leisten die Theater: Sie sammeln den Geist der Zeit und erforschen ihn, sie bewahren und vermitteln wie kaum eine andere Einrichtung die Werte, die eine demokratische Gesellschaft ausmachen. Wenn Minister Thümler das Thema Sonntagmorgen um 11 Uhr als festvortragswürdig befindet, hat er doch den ganzen Nachmittag Zeit, ein erforschendes, bewahrendes und vermittelndes Gespräch mit dem Theater zu führen. Oder? Das Theater, die Theaterfreunde, die Kulturpolitiker würden sich freuen. Von Hans-Martin Koch