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Das Erwachsenen-Ensemble III spielt Volkstheater, das derbe und zugleich nachdenklich ist. Foto: t&w

Träume zerplatzen

Lüneburg. Harte Eisen packte Ödön von Horváth an. Sozialkritische Themen, die Menschen bewegten. So auch in „Kasimir und Karoline“, 1932 vor dem Katastrophen -Szenario der Weltwirtschaftskrise geschrieben. Für die Nationalsozialisten war von Horváth ein unbequemer Autor, sie trieben ihn später ins Exil. Verblüffende Gegenwartsnähe ist in vielen seiner Arbeiten zu entdecken, oft geht es wie in „Kasimir und Karoline“ um die Sehnsucht nach Aufstieg, Sicherheit, Verlässlichkeit. Karoline träumt davon und Kasimir kann die Träume nicht erfüllen. Sie zerplatzen als Illusion. Im theater im e.novum wagte sich das Erwachsenen-Ensemble III an den Stoff und erhielt dafür lautstarken Applaus.

Regisseurin Antjé Femfert zieht immer wieder sehr geschickt Linien in die Gegenwart, mit Musik und anderen Bezügen. „Kasimir und Karoline“ offenbart die Gefahren sozialer Ungleichheit, inklusive Werteverfall. Das Stück nutzt als Kulisse die trügerische Oktoberfest-Vergnüglichkeit. Dahinter lauert bleierne Tristesse.

Die Angst vor dem Abstieg

Auf dem Rummelplatz entspinnt sich eine Zartbitter-Romanze zwischen der weiblichen Titelfigur und Eugen Schürzinger, einem jungen Mann mit besseren Perspektiven als sie der arbeitslose Kasimir bieten kann. Ihn lässt Karoline sitzen. Dieses Flirren, Suchen, Enttäuschtsein, die Angst vor dem Abstieg, den Zynismus der wohlsituierten Gesellschaft bringt Antjé Femfert auf den Punkt.

Horváth destilliert die Spannungen heraus, die Brutalität zerstörter Beziehungen, die Borniertheit und Spießigkeit, jene Schlünde bürgerlicher Bedürfnisse jenseits der polierten Fassaden, hier verkörpert durch drei singende, fauchende, sich lasziv räkelnde Freaks (aussdrucksstark: Christiane Worthmann, Katrin Engler, Karin Thurmann). Alle kippeln an der Kante, und je höher der Alkoholpegel, desto hemmungsloser fallen die Schranken ansonsten gehegter Contenance. Am Ende flieht Karoline mit Kommerzienrat Rauch (Gerd Schmidt): ein kurzes Abenteuer, das noch vor dem Ziel am Unwohlsein des reichen Gönners scheitert, der plötzlich nichts mehr von seiner adretten Begleiterin wissen will. Die Brüche einer gänzlich unvollkommenen Welt sind dabei permanent präsent.

Nachdenklich und hintergründig

„Kasimir und Karoline“ kommt als Volkstheater ohne Schenkelklopf-Tiraden daher, zeigt sich nachdenklich, hintergründig und trotzdem deftig im Zuschnitt. Die Regie akzentuiert das unter anderem durch das derbe Absingen hinlänglich strapazierter Jahrmarkt-Schlager. Die Akteure halten sich wacker, greifen den vorgegebenen Ton hervorragend auf, spitzen die Charaktere zu.

Ronny Jakob ist der dösig naive Kasimir, findet schließlich bei Erna (Uta Schwarznecker) ein offenes Herz. Das Ensemble zurrt den dramaturgischen Bogen straff, Sarah Jakob als beeindruckend draufgängerische Karoline und Hannes Willms als verträumt trottelig verklemmter Schürzinger markieren die Spitze der atmosphärisch sorgsam austarierten Inszenierung mit einem ebenso minimalistischen wie bestechend symbolträchtigen Bühnenbild von Kirstin Rechten, die mit Ute Glitzenhirn zugleich für die folkloristisch ausstaffierten Kostüme verantwortlich zeichnet.

Die nächsten Aufführungstermine stehen am 28. September sowie 19., 20., 26. und 27. Oktober auf der Agenda.

Von Heinz-Jürgen Rickert