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Drei Solisten für Bach: Leonie Hartmann (li.) im Kontakt mit Ulrike Beißenhirtz und Manfred Seer. Foto: t&w

Glanz, Glitzer und Eleganz

Lüneburg. Ein junger Trompeter, dem schon niemand mehr etwas vormachen kann. Eine Sopranistin, die sich leidenschaftlich in die brutalsten Koloraturen wirft. Flötisten, die zeigen, was melodisches Fließen bedeutet. Am ersten Pult eine Geigerin, die ein hoch motiviertes Orchester leitet und Soli übernimmt, an denen sie spürbar Spaß hat. Das war das Finale der 31. Bachwoche in der Klosterkirche Lüne, die nicht ganz ausverkauft war.

Zufrieden mit dem Verlauf der Bachwoche sind Claus und Dorothea Hartmann, die Gründergeneration von Bachorchester und -woche. Das im Zwei-Jahre-Turnus laufende Festival befindet sich mitten in einem Generationswechsel. Denn zum ersten Mal – in 40 Jahren! – spielten weder Claus noch Dorothea Hartmann mit. Das ist eigentlich unvorstellbar. Ihre Tochter Leonie leitet das Bachorchester schon länger, was von ihrem Arbeitsort Mainz aus nicht immer leicht ist, aber zum Bachorchester gehören zahlreiche schon über Jahrzehnte treue Musiker. Die Qualität stimmt, und trotzdem wird das Orchester sich über kurz oder lang neu durchmischen müssen. Dass auch das Publikum im Schnitt eher alt als jung ist, ließe sich als Indiz nehmen, dass bei Konzept und Werbung justiert werden könnte.

Spitzentempo und Spitzentöne

Aber noch klingt alles rund, wie dieses beschwingte bis brillante Finale zeigt. Ins vierte Brandenburgische Konzert zum Auftakt geben die Flötisten Manfred Seer und Ulrike Beißenhirtz in guter Abstimmung jede Menge melodisches Gespür. Alles fließt in enger Korrespondenz mit dem ebenfalls virtuos geforderten Orchester und mit Leonie Hartmann, deren Geige vor allem im fugenartig gebauten Finale rasante Läufe meistert.

Es folgt Markus Czieharz, Trompeter, geboren 1995. Er hat Preise abgeräumt, ist als Solist und bei Salaputia Brass unterwegs. Was will der junge Musiker in 20, 30 Jahren spielen, wenn er offenbar jetzt schon alles beherrscht? Zumindest technisch spielt er herausragend, der Ton glitzert, strömt, kippt ins Sanfte, legt wieder Glanz und Gloria drauf und schmettert auch mal regelrecht los.

Bei Tartinis Trompetenkonzert D-Dur ist alles auf die hell prunkende Trompete hin abgestimmt. Das Orchester grundiert, Markus Czieharz brilliert und muss eine Zugabe liefern. Ob er in dieser nun den Hut, der drei Ecken hat, meint oder den Mops, der in die Küche kam – egal. Die Variationen sind irrwitzig, also irre schwer und eben auch witzig. Bei Czieharz klingt es immer mühelos.

Die Hauptlast trägt der Sopran

Einen farbigeren, ins Empfindsame gehenden Klang produziert das Orchester nach der Pause bei der Sinfonia d-moll von Bach-Sohn Wilhelm Friedemann. Aber das Stück wirkt wie das Warmlaufen zu dem Sprint, den Vater Bach in seiner Solokantate „Jauchzet Gott in allen Landen“ von seinen Musikern fordert. Zum Trompeter ist alles gesagt, er triumphiert in den Ecksätzen.

Die Hauptlast aber trägt der Sopran, der atemberaubende Koloraturen durchlaufen und Spitzentöne einstreuen muss. Die Anforderung ist extrem, aber Ania Vegry stürzt sich mit ansteckender Freude in den Kurvenlauf, ihre Stimme hat einen schönen Klang, ihre Technik ist gut. Ausreichend Kondition bringt sie auch mit. Die ist nötig, um nach dem halsbrecherischen Beginn, den nicht minder fordernden Mittelsätzen noch ein „Alleluja“ im Jubelton draufzusetzen. Das Publikum ist in gleicher Stimmung, aber mehr geht nicht, mehr gibt‘s nicht bzw. erst wieder in zwei Jahren zur 32. Bachwoche.

Von Hans-Martin Koch