Aktuell
Home | Kultur Lokal | Gewalt ist immer eine Lösung
Szene mit Beate Weidenhammer, Philip Richert und Christoph Vetter. Foto: tamme

Gewalt ist immer eine Lösung

Lüneburg. Eine große Klappe und ein Glitzerkostüm, als käme er gerade von einem Casting für „Saturday Night Fever“: So haben wir uns Siegfried, den Drachentöter , nicht vorgestellt. Der Mann tritt so breitbeinig auf, dass er kaum laufen kann, dauernd rammt er sein Zauberschwert Balmung in den Boden, dort steckt es wie ein Totenkreuz. Friedrich Hebbel hatte für sein Trauerspiel „Die Nibelungen“ wohl einen anderen Titelhelden im Sinn, aber seit der Uraufführung 1861 in Weimar ist ja auch viel passiert. Am Lüneburger Theater feierte das mächtige Stück nun Premiere in einer Inszenierung von Martin Pfaff.

Siegfried, Kriemhild, Hagen, Brunhild – sie gehören zum Personal einer legendären Geschichte. Das Nibelungenlied wurde im Zuge der Bestrebungen im 19. Jahrhundert, aus grotesker Kleinstaaterei ein deutsches Reich zu gießen, schnell zum National-Epos verklärt: ein Fundus, der sich beliebig plündern ließ. Tugenden wie bedingungslose Treue zum Bündnispartner, die Familie als Zelle von Sicherheit und Vertrauen – das galt für Worms, für das Geschlecht der Burgunden, warum nicht für ein ganzes Land? Dass der Stoff ein halbes Jahrtausend alt war und sowieso aus den Geschichten vieler Länder gewebt war, erschien nebensächlich.

Zweiteiler wird an einem Abend durchgespielt

Nach moderner Auffassung birgt eine Tragödie immer auch komödiantische Elemente. Für so einen Schnickschnack war Friedrich Hebbel (1813-1863) nicht zu haben, Martin Pfaff schon eher. Im Original besteht das Stück aus Akten, die in drei Abteilungen zusammengefasst sind, die wiederum an zwei Abenden aufzuführen seien. In Lüneburg wird nun durchgespielt, drei Stunden, Pause inklusive, und gut ist‘s. Ein harter Brocken ist es trotzdem, das muss auch so sein, das ist ja auch auf dem Grünen Hügel von Bayreuth mit Richard Wagner nicht anders.

Martin Pfaff hat abgespeckt, wo es geht, bei der Charakterisierung der Protagonisten die Schraube noch einmal fest angezogen: Es sind traurige Helden, anfällig für Intrigen, unfähig zur Empathie, gefangen in einem kleinen Kosmos und letztlich zum Scheitern verurteilt. Als erster stirbt bekanntlich Siegfried (Jan-Philip Walter Heinzel), den Pfaff als „ehrliche Haut“ bezeichnet. Der Mann, der mit Tarnkappe und Zauberschwert eigentlich unbezwingbar sein sollte, wird auftragsgemäß von Hagen, wir erinnern uns, mit dem Speer an seiner einzigen verwundbaren Stelle getroffen, also da, wo einst bei dem Bad im Blute des Lindwurms ein Lindenblatt am Körper klebte. Überhaupt: Drachenblut, Heldenblut, dauernd ist von Blut die Rede, es pocht in den Adern und wird reichlich vergossen – Gewalt ist eine Lösung, immer, sogar im Ehebett, denn starke Frauen sind dazu da, getäuscht und „überwunden“ zu werden.

Tanzen zum Geklirre der Schwerter

Gespielt wird auf zwei Ebenen, das Bühnenbild, das sich ein Mal wandelt, ist ausgeräumt, keine düsteren Mauern, nur Projektionsfläche und mystisches Stimmungsbild – Laufstege für die Nibelungen-Models, die hier in ausdrucksvollen Kostümen ihre deformierten Seelen zur Schau stellen. Das einzige Requisit sind im Grunde ein paar Waffen, mehr braucht es nicht, auch nicht bei einer Feier an Etzels Hof, „wir tanzen zum Geklirre unserer Schwerter“ heißt es da.
Mit wem soll sich man/frau da als Zuschauer solidarisieren? Am ehesten mit den Frauen (gespielt von Stefanie Schwab, Britta Focht und Beate Weidenhammer), am meisten nahbar wirkt ausgerechnet der wankelmütige Verräter Hagen (Philip Richert). Matthias Herrmann, Christoph Vetter, Paul Brusa, Yves Dudziak, Martin Skoda, Tülin Pektas, dazu im Wechsel Nike Meier und Jakob von Mansberg, sie bringen mit unerschöpflicher Kraft und in der Sprache Hebbels die Burg einer überlebten Dynastie ins Wanken. Eine Ensemble-Leistung, anerkennender Applaus.

Von Frank Füllgrabe