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Der Autor – und Sammler – Gerhard Henschel daheim: Natürlich gehören auch die Kowalski-Hefte mit seinen ersten eigenen Beiträgen zum Martin-Schlosser-Archiv. Foto: ff

Endlich die ersten roten Teppiche

Bad Bevensen. Seit er zum Entsetzen der Eltern das Studium der Germanistik schmiss, schlägt sich Martin Schlosser als freier Autor und mit gelegentlichen Jobs i n einer ziemlich üblen Dorf-Disco durch. Er will Schriftsteller werden, also wozu braucht er ein Examen? Jetzt ist er Ende zwanzig, und so langsam kommt die Sache tatsächlich ins Rollen. Bei den Satire-Zeitschriften „Kowalski“ und „Titanic“ sind seine Beiträge willkommen, bei „konkret“ und sogar bei der Frankfurter Rundschau.

„Erfolgsroman“ lautet deswegen der Titel der achten autobiographischen Erzählung, Martin Schlosser heißt in Wirklichkeit Gerhard Henschel, aber sonst ist alles wahr. Exakt 4646 Seiten umfasst jetzt dieses grandiose Ego-Epos. Henschel, der heute nahe Bad Bevensen wohnt, pflegt dort im weitläufigen Keller ein Familienarchiv mit Hunderten von Aktenordnern, mit Briefen und Dokumenten, eine fast unerschöpfliche Quelle.

Groove benötigt keinen Spannungsbogen

Einen Spannungsbogen gibt es eigentlich nicht, eher lakonisch fügt der Autor ein kurzes Erzählfragment an das andere, das geht beispielsweise so: „Ich ging einmal ums Karree, weil mich die Ahnung beschlich, dass ich dabei meiner Traumfrau begegnen könnte, doch ich traf nur einen totgefahrenen Igel, der sein Winterquartier zur Unzeit verlassen hatte.“ Punkt, Absatz.

Der Autor zitiert Rock-Texte, die gerade passen, ohne die Herkunft zu nennen (meistens Bob Dylan), und auf eigentümliche Art groovt diese Geschichte. So ganz nebenbei liefert Gerhard Henschel ein Mosaik literarischer Zeitgeschichte, mit Zitaten aus (damals) aktuellen Neurscheinungen und eigenen Kommentaren.
Wir befinden uns kurz nach der Wende, Schlosser/Henschel lebt im friesischen Heidmühlen in einer WG mit zwei Tamilen, die er nie zu sehen bekommt, die gern kochen und jedesmal die Küche penibel aufräumen. Viel Zeit verbringt der Autor damit, seine Text-Honorare anzumahnen, denn so begeistert die Satire-Redakteure von seinen Beiträgen sind, so schlecht ist ihre Zahlungsmoral, da bleiben manchmal nur noch ein paar Mark auf dem Konto, bis endlich, endlich, der erlösende Scheck kommt.

Die Provinz nervt so langsam

Die private Bibliothek wächst immer dann, wenn denn mal Geld da ist. Schlosser/Henschel ist ein echter Literatur-Liebhaber, aber der Papa (Mutter ist gestorben) meckert und meckert, da wäre ein geregeltes Einkommen eben schön. Der Kontakt zu den anderen Mitgliedern der verzweigten Schlosser-Familie, besonders zur Oma, ist besser.

Schön wäre auch eine feste Freundin, ab und zu lernt Martin Schlosser ja mal auf einem Selbsterfahrungs-Workshop (die er anscheinend nur zu diesem Zweck besucht) so ein verheißungsvolles Wesen kennen – aber ach, sie sind ebenso intelligent und erotisch wie flüchtig. Ansonsten plant der aufstrebende Satiriker den Umzug nach Berlin (wo er schon zwei Mal gelebt hat), die Provinz zwischen Meppen und Jever geht ihm auf die Nerven – und tatsächlich, dort begegnet er wichtigen Autoren und Verlegern, von Wiglaf Droste bis Michael Rutschky, und ihm werden die „ersten roten Teppiche ausgelegt“.

Im wirklichen Leben haben die Familienmitglieder Henschels ihre Briefe für die Veröffentlichung freigegeben, die Garantie des Authentischen macht den Reiz aus, der Verlag Hoffmann und Campe lädt bei jedem neuen Band zum Familientreffen. Und um den Romanhelden müssen wir uns keine Sorgen machen, denn bis heute hat er Dutzende Bücher – zum Teil mit Kollegen wie Max Goldt – geschrieben und namhafte Auszeichnungen erhalten. Zum Beispiel: 2017 den Ben-Witter-Preis, zusammen mit Gerhard Kromschröder, für ihr Buch „Landvermessung. Durch die Lüneburger Heide von Arno Schmidt zu Walter Kempowski“.

Gerhard Henschel: „Erfolgsroman“, Hoffmann und Campe, 608 Seiten, 26 Euro

Von Frank Füllgrabe

One comment

  1. Hallo Herr Füllgrabe,

    vielen Dank für die gelungene Buchvorstellung.

    Das Konzept des Romans (!) kann man folglich so zusammenfassen: Martin Schlosser heißt in Wirklichkeit Martin Schlosser, aber sonst ist alles Dichtung?

    Wen haben Sie kennengelernt, als Sie Karl Ove Knausgårds sechsbändigen autobiographischen Romanzyklus „Min Kamp“ („Mein Kampf“) gelesen hatten? Den Menschen Karl Ove Knausgård oder die literarische Figur „Karl Ove Knausgård“?