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Das Stegreiforchester unterscheidet sich auch optisch von herkömmlichen Klassik-Ensembles. Foto: t&w

Die Disziplin der Anarchie

Lüneburg. Ätherische Klänge fluten das verdunkelte Audimax, zart wie eine ferne Streichermusik. Erzeugt werden sie von dem E-Gitarristen auf einem der beiden ro llbaren Podien, die zudem mit einem Schlagzeuger und einem Perkussionisten besetzt sind. Aus den Gängen schreiten die Musizierenden, ihre Kleidung nimmt die Farben der Streichinstrumente auf, sie alle gehen barfuß. Leise summen sie Akkordtöne. Grüppchen bilden sich, man lehnt sich aneinander, horcht, die Köper wogen hin und her, während sich die schwerelose Obertonbewegung der Chorstimmen zu einer dynamischen Feier eines strahlenden Dur wie aus der 3. Sinfonie von Brahms aufschwingt.

Stimmungsvolle Ouvertüre

Trommeltöne setzen ein, helle Geigen-Terzen flackern auf, ein Flageolett-Miau, ein Cello- oder Saxofon-Motiv. Die erste Solovioline intoniert hinreißend gefühlvoll das kaskadenhafte Hauptthema der Brahms-Sinfonie, und bald spielen in hellem Licht alle mit. Achtundzwanzig junge genreübergreifende Profis agieren stehend, ohne Noten, ohne Dirigenten. Sie beweisen, dass ein exzellent beherrschtes klassisches Werk des 19. Jahrhunderts sich zerlegen lässt in Originalzitate, die sich wiederum wie selbstverständlich, überraschend und spannungsreich verbinden lassen mit hochästhetischer ballettartiger Show, Solotanz, atmosphärischer Improvisation, mitreißendem Jazz oder kubanischer Musik.

Mit der stimmungsvollen Ouvertüre seines mittlerweile 4. Projekts, das sich wie die früheren Programme höchst erfolgreich freien Bearbeitungen sinfonischer Musik widmet, fasziniert das Stegreiforchester von der ersten Sekunde an. Dass dieses am 4. Oktober 2015 in Berlin gegründete Ensemble, das in Lüneburg also seinen 3. Geburtstag feierte, ein ganz besonderes ist, hat sich längst herumgesprochen. Von Beginn an war es begehrter Gast hochkarätiger Festivals. Der Gründer der Formation, Hornist Juri de Marco, bezeichnet sich selbst als einen Visionär, überzeugte 2015 Berufsmusiker von seiner Stegreif­idee, holte Straßenmusiker dazu, Jazzer und Rhythmiker.

Virtuos, modern, einfühlsam, zeitlos schön und belebend

Viereinhalb Monate dauert es diesmal etwa, bis das Konzept #freebrahms aus Kompositionsrahmen, Prozessgestaltung, Proben und Improvisationen bühnenreif war. Alle wirkten daran mit, Brahms‘ 1883 entstandene Sinfonie wurde frei adaptiert, absolut virtuos, modern, einfühlsam, zeitlos schön und belebend. Das herabrauschende Hauptthema des Beginns, der Klarinetten- Ohrwurm des Andantes, die Traurigkeit des Walzers aus dem dritten Satz oder die mystische Poesie des Finales gewannen dynamische Kraft und lyrische Intensität. Soli- und Ensembleeinlagen wechselten sich ab, ein Solotanz passte dazu, und immer wieder änderte sich die Formation, änderten sich die Optik der Haltung, der Spielort im Raum, die mit Nebel effektreiche Beleuchtung, der musikstilistische Kern. Man lag auf dem Boden, um ein Cello-Duo zu Wort kommen zu lassen, oder roboterartige Wesen zuckten über die Bühne, zu abstrakten akustischen Lauten oder experimenteller Kakophonie, verwoben mit Originalem aus Brahms‘ Partitur.

Authentizität ist Juri de Marco sehr wichtig, er war eigens in Kuba, um das furiose Ende der Brahms-Adaption, in der das Publikum zu kubanischer Musik zum Mittanzen bewegt wurde, möglichst authentisch zu gestalten. Nach ausgelassenem Tanz und rasantem Schlagzeugsolo formierte sich das Orchester zu einem grandiosen seelenvollen musikalischen Abschluss mit dem 1. Hauptthema der Sinfonie. Minutenlange Beifallsstürme bejubelten am Ende das grandiose Ensemble.

Von Antje Amoneit